Disclaimer:    Star Trek Voyager, Deep Space Nine und seine Charaktere gehören Paramount und Pocket Books.

                    Einstieg für diese Geschichte (schräg gedruckt): Zitat aus „Homecoming“ von Christie Golden

                    Name der Siedlung auf Dorvan V: aus meinem Lieblingsindianerbuch „Blauvogel“ von Anna Jürgen            

                    Fakes: Tachyon

Idee und Story: Kathryn J (= KathrynJonVoy),

 inspiriert von Tachyons Fakes „JC Wedding On Dorvan“ und „Two Tickets To Dorvan V, Please“

http://tachyonscorner.webs.com/

Rating: nur für erwachsene Leser (NC17,  MA,  P18)

Genre: Angst, Romanze

Beta Reading: Kisara22 – Danke Dir herzlich!

Namen und Daten aus dem Star Trek Universum: http://memory-alpha.org/de/wiki/Hauptseite

Mehr von Kathryn J (=KathrynJonVoy) incl. illustrierter Versionen:  http://www.newearth-jcparadise.de

Zusammenfassung: 2378. Die Voyager ist zurück auf der Erde. Nach einem gemeinsamen Besuch des Denkmals für ein Massaker an Maquis und ihren Familien im Dominion-Krieg auf Tevlik's Moon "entführt" Chakotay Admiral Kathryn Janeway zu einem "Zwangsurlaub" auf seinen Heimatplaneten Dorvan V, da er der Meinung ist, sie brauche ein bisschen Abstand zu Starfleet ihrer Gesundheit zuliebe.

Nicht nur der Besuch des eindrucksvollen Denkmals lässt beide die vergangenen 7 Jahre Revue passieren und über ihre Beziehung nachdenken.

Vorgeschichte zur Einleitung für diejenigen, die „Homecoming“ nicht kennen:

Chakotay bat Janeway, ihn bei einem Besuch von Tevlik’s Moon an Bord seines „Alpha Flyers“ zu begleiten. Tevlik’s Moon war eine geheime Basis des Maquis. Auf diesem Mond töteten die Cardassianer während des Dominion-Krieges 4256 Männer, Frauen und Kinder. Ihnen wurde dort von ehemaligen Maquis aus eigenen Mitteln ein Denkmal gesetzt.

 


 

Kathryn J.

 

The Spirits of Tevlik’s Moon

 

...“Ich frage mich auch“, sagte Chakotay. „Frieden ist kostbar. Aber es gibt Dinge, die ein zu hoher Preis sind für den Frieden.“

Sie legte einen tröstenden Arm um seine Hüfte. Er hob seinen Arm und legte ihn um ihre Schultern. So standen sie  Seite an Seite und dachten  wortlos über Frieden,  seinen Preis und andere Schicksale nach…

Langsam wandten sie sich ab und gingen zurück zum kleinen Schiff. Als sie abhoben, drehte sich Janeway zu Chakotay um und sagte: „Ich bin froh, dass unsere Schicksale sich begegnet sind, Chakotay. Es war ein Privileg, Sie diese vergangenen sieben Jahre an meiner Seite zu haben.“ Er lächelte. „Und es war ein Privileg, mit Ihnen zu dienen, Captain. Oder ich nehme an, ich sollte nun ‚Admiral’ sagen.“ Sie lachte und hob protestierend eine Hand: „Kathryn. Ich bin nicht mehr Ihr Captain.“ „Ah“, scherzte er, „Sie werden immer Captain für mich sein.“ Plötzlich ernst geworden, sah sie in seine dunklen Augen. „Ich hoffe nicht“, sagte sie.

 

Erschrocken schloss sie den Mund. Sein Scherzen hatte sie trotz der bedrückenden Erfahrungen auf Tevlik’s Moon übermütig und gedankenlos werden lassen. Chakotay sah von der Steuerkonsole auf: „Kathryn?“ Aber sie wandte sich schnell der Konsole zu ihrer Linken und damit Chakotay halb den Rücken zu und gab vor, die Anzeigen auf den Scannerdisplays intensiv zu studieren. „Ach, nichts, vergessen Sie es einfach“, entgegnete sie leise. ‚Wie konnte ich nur so etwas Dummes zu Chakotay sagen!’, schalt sie sich. ‚Ich habe ihn schon seit mehreren Jahren immer wieder abgewiesen. Seit wir von New Earth abgeholt worden waren, um es ganz genau zu sagen… Dann hatten wir diesen Streit um die Allianz mit den Borg und als wir auf die Equinox stießen. Danach war es nicht mehr so, wie es vorher war… und dann Seven…’

Gerade, als sie vor dem Transwarp-Transit zur Erde waren. Janeway war endlich frei und konnte Chakotay ihre Liebe offen gestehen, die sie ihm sonst nur durch Blicke und flüchtige Berührungen zeigen konnte. Erleichtert und froh war sie auf dem Weg zum Bereitschaftsraum, wo Chakotay gerade Dienst hatte. Ihr Herz hüpfte. Endlich… Dann öffnete sich die Tür zum Turbolift, und Chakotay und Seven standen ihr Hand in Hand gegenüber. Keiner sagte ein Wort. Janeway spürte wieder diese eisige Klammer der Angst und des Verlustes, die sich um ihr Herz schloss. Wie in Trance betrat sie den Lift und als sie sich dabei umdrehte, sah sie, wie Chakotay Seven einen Kuss auf die Wange hauchte. Mit einer Maske aus Stein betrat sie die Brücke und führte die Voyager heim zur Erde.

Es war vorbei. Sie fühlte unendliche Leere und Enttäuschung in sich aufsteigen. ‚Hätte ich ihn doch nur nicht immer wieder zurückgewiesen. Ja, er hatte mich wirklich geliebt. Damals. Vor langer Zeit. Verdammt! …und ich… ich war nahe daran, es ihm auch zu gestehen.’, schoss es Kathryn verzweifelt in den Sinn. ‚Wenn ich nur alles noch einmal vor mir hätte, ich würde vieles anders machen- in dieser Beziehung jedenfalls.’ Die Debriefings nach ihrer Rückkehr zur Erde, die Gespräche zur psychologischen Situation der Crew mit Counselor Troi und die langen Gespräche mit ihrem Mentor und väterlichen Freund Admiral Paris hatten zu ihrer größten Enttäuschung durchblicken lassen, dass die Einhaltung des Starfleet-Reglements bezüglich persönlicher Bindungen unter Crewmitgliedern, einschließlich der Offiziere, als völlig nebensächlich betrachtet, ja kaum beachtet wurde. Die Rückkehr und die neuen Erkenntnisse und Ausrüstungen der Voyager standen vor allem anderen im Mittelpunkt. Durch den Dominion-Krieg war eine neue Sichtweise geprägt worden. Die ehemaligen Maquis konnten  ohne jegliche Repressalien in ihren bisherigen Dienstgraden bei Starfleet weiter dienen.

Das Massaker auf Tevlik’s Moon führte ihr schmerzhaft vor Augen, wie zerbrechlich das Leben, alle Pläne für die Zukunft waren. Wie schnell konnte alles mit einem Schlag ausgelöscht werden. War es das überhaupt wert gewesen, ihr persönliches Glück komplett auf dem Altar des Dienstes an der Crew zu opfern?

Kathryn spürte diesen zähen Kloß in ihrem Hals dicker werden. Sie lehnte sich in ihrem Copilotensessel zurück und schloss die Augen, um Chakotay nicht ansehen zu müssen. Sie wollte nicht, dass er ihre feuchten Augen sah und wünschte sich, in Ruhe ihren Gedanken nachhängen zu können.

Seit das Transwarpzentrum der Borg plötzlich aus dem Nebel vor ihnen aufgetaucht war, war sie nicht mehr dazu gekommen, über alles in letzter Zeit Geschehene nachzudenken und ihre Gefühle zu ordnen. Alles war über sie hereingebrochen: Chakotays Beziehung mit Seven, ihr Alter Ego, die Ankunft auf der Erde, die Beförderung, Marks neue Familie…überall musste sie eine freundliche Maske zur Schau tragen. Wie es in ihrem Herzen aussah…das wollte nicht einmal sie selbst wissen. Auf der Erde war es für sie einsamer geworden, als sie es jemals als Captain gewesen war, das wurde ihr jetzt erst richtig bewusst. Sie hatte die Crew, wie sie geschworen hatte, nach Hause gebracht, aber sie persönlich hatte alles verloren, was ihr so viel über die Jahre bedeutet hatte. Sie hatte ihre wirkliche Familie, die Crew, in alle Winde verloren. Und es war ein zwar vertrautes, aber nur freundschaftliches Verhältnis zu Chakotay geblieben. Davor hatte sie die alte Admiral Janeway warnen wollen, diesen Fehler nicht auch zu begehen. Chakotay war der wirkliche Grund tief in ihrem Herzen, der sie sich für ihr jüngeres Ich opfern ließ. Das wusste Kathryn mit Sicherheit. Aber ihr älteres Ich kam zu spät dafür. Die Würfel des unerbittlichen Schicksalsspiels waren bereits gefallen und Chakotay und Seven planten bereits eine gemeinsame Zukunft an Bord der Voyager.

Nun hatte sich Seven von Chakotay getrennt, kaum dass sie auf der Erde angekommen waren, um zunächst zu sich selbst zu finden und ihre neuen Entwicklungschancen zu erkunden. Insofern hatte der alte Admiral doch noch etwas erreicht, musste sich Kathryn eingestehen, wenn auch nicht eine gemeinsame Zukunft für sie selbst und Chakotay, wie sie es sich einst versprochen hatten, wenn sie erst zurück im Alpha-Quadranten waren. Zweifellos war Chakotay jetzt sehr traurig über die Trennung von Seven. Aber beide standen noch in Kontakt miteinander und waren gute Freunde. Vielleicht würde Seven eines Tages zu ihm zurückkehren… Sie hatte einmal gehört, wie Chakotay so zu Tom Paris sagte.

Sie, Kathryn, hatte ihm damals oft wehgetan, aber das war für Chakotay jetzt Vergangenheit, ihn beschäftigten längst andere Gefühle. Sie hatte Chakotay verloren. Und dieser Verlust schmerzte noch mehr als der von Justin und Mark. ‚Weil es ausschließlich meine Schuld ist!’

Verdammt, dieser Kloß im Hals drohte sie zu ersticken, aber hier gab es keinen Bereitschaftsraum und kein Quartier, in das sie sich flüchten konnte. Sie wagte nicht, tief einzuatmen, denn das würde ihre Gefühle unweigerlich durch einen Schluchzer verraten. Und das war jetzt und hier in Chakotays Gegenwart völlig undenkbar. Andererseits: Sie war so dankbar, dass er sie überhaupt um ihre Begleitung gebeten hatte. Das hatte sie beinahe ihre Einsamkeit vergessen lassen, in die sie bald zurückkehren würde.

Sie spürte, wie sich etwas Warmes, Weiches um sie schmiegte und blinzelte durch ihre verborgenen Tränen. Chakotay war herübergekommen und hatte ihr eine Decke übergelegt. „Danke“, flüsterte sie an ihrem Kloß im Hals vorbei mit gebrochener Stimme, bevor sie die Augen wieder schloss. Sie hörte am Rascheln der Kleidung, wie er sich neben ihren Stuhl hockte. Er legte seine warme Hand auf ihre kalten Finger. „Kathryn?  Was  ist mit dir?“, er gebrauchte unvermittelt wieder das Du, dass sie ihm seit New Earth verboten hatten, und in seiner Stimme schwang Besorgnis mit. Janeway schüttelte nur stumm den Kopf und ließ die Augen geschlossen. Sie hatte Angst, dass aller Kummer und die Enttäuschungen der vergangenen Zeit wie ein Wasserfall aus ihr hervorbrechen würden.

„Kathryn, bitte…sprich mit mir. Habe ich etwas Falsches gesagt? Ich habe dich vorhin nicht verstanden… bitte sag es noch mal…tu es für mich.“

„Ich bin nur müde, bitte…“, flüsterte Janeway tonlos, fast versucht, auf seine Bitten einzugehen. Was sollte sie bloß tun? Woran war sie bei ihm wirklich?

Chakotay erhob sich langsam, strich ihr über den Arm und beobachtete Kathryn dann unschlüssig und besorgt von seinem Pilotensitz aus.

Sie sah wirklich müde und abgespannt aus. Ihre Wangen waren eingefallen. ‚Sie isst und schläft wieder nicht! Das bedeutet, sie macht sich um irgendetwas große Sorgen. Sicher ist es ihr neuer Posten im Hauptquartier. Wenn ich ihr nur helfen könnte…’ Nach einer Weile schien sein ehemaliger CO eingeschlafen zu sein. Ihr Kopf war leicht zu ihrer rechten Schulter gesunken und eine Hand war von ihrer Armlehne gerutscht. Plötzlich bemerkte Chakotay, wie eine Träne über ihre Wange lief, jetzt, da sie nicht mehr festgehalten wurde. Er wagte nicht, Kathryn zu berühren. Er stützte den Kopf auf und musterte sie nachdenklich. Er dachte auch an Seven. Aber trotz alledem, wenn er Kathryn so daliegen sah, bei Kathryn schlug sein Herz einen ganz anderen Takt als bei Seven und sein innerster Kern wurde von ihrer Gegenwart mit einzigartiger Wärme durchflutet. Er hatte miterlebt, als jedes einzelne ihrer Fältchen entstanden war, die ersten einzelnen silbernen Haare sich abhoben. Jedes berichtete für sich von überstandenen Fährnissen, geretteten Kameraden, Opfern für ihre Crew. Kathryn war für ihn etwas ganz Besonderes. Er sah wieder ihr Gesicht vor Augen, als er mit Seven aus dem Turbolift trat, wie ihr alles Blut aus dem Gesicht wich, ihre blauen Augen ihn erschrocken anstarrten und dann den Ausdruck derer eines todwunden Tieres annahmen. Das war nicht einmal eine Sekunde gewesen, bis eine unbewegliche Maske über ihr Gesicht glitt und ihre Augen die Farbe von kaltem Stahl bekamen.

Plötzlich schämte sich Chakotay, dass er nicht auf sie gewartet hatte, wie er ihr auf New Earth versprochen hatte. Er hatte ihr nichts von seinen Gefühlen für Seven erzählt, hatte ihr keine Chance gelassen… nach sieben Jahren der innigsten Freundschaft, die man sich nur wünschen konnte. Er wusste nicht einmal genau, ob sie ihn noch liebte. Sie hatte nie wieder etwas gesagt nach New Earth… Trotzdem… es war ein Vertrauensbruch. Seine Geschichte vom Krieger und seiner Kriegerprinzessin…alles leere Worte!? Er fühlte sich so elend. Aber was sollte er jetzt tun? Jetzt, wo Seven ihn verlassen hatte, wieder zu sagen: ‚Hallo Kathryn, hier bin ich wieder’? Das konnte er ihr auf keinen Fall antun. Sie würde ihn hinauswerfen. Wahrscheinlich hatte sie ihn längst aus ihrem Herzen verbannt.

Er seufzte und wandte sich seinen Astrometriedaten zu. Dann hatte er eine ziemlich gewagte Idee. Janeway hatte ihm doch etwas erzählt von drei Monaten Urlaub, der ihr noch zustand und den sie jetzt nehmen müsste und dass sie eigentlich nichts vorhätte. Kurzentschlossen änderte er die Zielkoordinaten des Autopiloten und der Alpha-Flyer schwenkte langsam auf seinen neuen Kurs ein. Dabei fiel Chakotay wieder Tom ein, als er den Captain entführt hatte und leise Eifersucht regte sich in ihm. Dann erschienen seine Grübchen für eine Sekunde, als er sich jetzt in Toms Rolle fühlte. Nach einem Blick hinüber zum ruhig schlafenden Admiral lehnte er sich zufrieden zurück für ein kurzes Nickerchen.

 

„Chakotay…nein!“ Ein angstvoller Schrei zerriss die Luft in der Kabine des Alpha-Flyers. Chakotay sprang auf, den Phaser in der Hand und checkte das Innere des Flyers. „Kathryn!?“ Er  war mit einem Satz neben ihr. Sie lag mit ihrer Decke auf dem Boden und versuchte sich zu sammeln. Verwirrt guckte sie sich um „Chakotay?“ Er kniete sich zu ihr. „Du hast geträumt Kathryn. Wir sind in meinem Flyer.“ „Chakotay, sind wir am Leben oder tot?“ „Kathryn, natürlich sind wir am Leben!“  Zögernd streckte Chakotay seinen Arm nach ihr aus und zog sie vorsichtig an sich heran, ständig auf ihre Gegenwehr gefasst. Dann ruhte ihr Kopf an seiner Brust und er strich ihr beruhigend über den Rücken. „Chakotay, ich habe davon geträumt, als wir mit der Sacajawea abgestürzt waren. Es war so schrecklich.“ Sie schluchzte und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen. Er fühlte ihre Wärme und erinnerte sich plötzlich an den so vertrauten Geruch ihrer Haare. ‚Wie habe ich das nur vergessen können?’ Plötzlich waren die so tief und gewaltsam verbannten Gefühle für Kathryn wieder da. Ihm lief ein Schauer den Rücken hinunter und er schloss die Augen, um dieses Gefühl für immer zu bewahren. ...und er fühlte solche Schuld! „Admiral, Sie sollten ihre Nachtruhe jetzt lieber auf einer Liege fortsetzen“, sagte Chakotay in leichtem Tonfall, um die gespannte Stille aufzubrechen. Er half Kathryn auf und brachte sie mit ihrer Decke zum Heck, wo sich herunter klappbare Kojen befanden und half ihr hinein. Dann sagte er lächelnd: „Gute Nacht und träumen Sie etwas Schönes.“ Janeway schoss das Blut ins Gesicht, in ihren Augen glitzerte es verdächtig. Diese Worte waren zu tief in ihr Gedächtnis gebrannt… Natürlich erinnerte sie sich! Aber sie fühlte sich auch sehr irritiert, was Chakotay jetzt in ihrer Situation damit bezwecken wollte. Er berührte sie leicht an der Schulter und ging wieder ins Cockpit zurück, um den Kurs zu überprüfen. Nach einer Weile replizierte er sich einen Tee und sah nachdenklich aus dem Fenster, in welchem sich zugleich die schlafende Kathryn spiegelte.

 

Nach drei Stunden signalisierte der Autopilot mit einem leisen Signal die Annäherung an die eingegebenen Koordinaten. Chakotay ließ den Flyer behutsam aus der Warpgeschwindigkeit treten und schwenkte kurze Zeit später in den Orbit ein. Der Flyer durchschnitt die wolkenarme Atmosphäre und setzte sanft außer Sichtweite einer kleinen Siedlung in einer steppenähnlichen Landschaft auf.
Von dem Vibrieren des kleinen Schiffs in den atmosphärischen Turbulenzen und beim Bodenkontakt wachte Janeway aus einem tiefen, traumlosen Schlaf auf. Wunderbarerweise hatte sie in dieser schmalen Koje besser geschlafen als in ihrem breiten Bett zu Hause in San Francisco. ‚Zu Hause? Eigentlich ist es noch gar nicht so richtig mein Zuhause geworden.’ Dann konzentrierten sich ihre Gedanken auf die Gegenwart und sie schreckte hoch, als sie bemerkte, dass der Flyer ganz still war. Zugleich bemerkte sie ein ungewöhnliches Licht in der Kabine. Sie richtete sich auf und sah helles Sonnenlicht in das Cockpit hereinfluten. „Was zur Hölle…“, ihr blieb der Rest des Ausrufes im Hals stecken, als sie Chakotay seelenruhig und lächelnd an der Steuerkonsole lehnen sah. Ihr wahrscheinlich ziemlich verdatterter Gesichtsausdruck ließ seine Lachgrübchen sich vertiefen.

„Admiral, willkommen auf Dorvan V!“, und auf  einen Tastendruck hin öffnete sich die Rampe und frische duftende Luft strich in die Kabine.

Kathryn griff instinktiv nach ihrem Phaser. Aber sie trug ja zivil! Hektisch sah sie sich nach einer Waffe um. „Admi…Kathryn…das ist keine Entführung! Wir können auch wieder starten und zur Erde fliegen, wenn Sie möchten.“ „Darf ich dann um eine Erklärung bitten, was wir hier wollen, Commander?“, forderte Janeway mit einem Anflug von Ärger in der Stimme, hob das Kinn und straffte die Schultern. ‚Wie konnte ich nur so naiv sein, dass er mich „nur so“ mitnimmt? Was für Ärger kommt nun wieder auf mich zu? Kann ich denn  nie Ruhe finden?’ „Sagten Sie nicht, sie hätten Urlaub und nichts vor? Nun, da dachte ich, vielleicht ist ein Abstand zur Sternenflotte mal notwendig für eine richtige Erholung! Sie sehen abgespannt aus. Ich sehe es Ihnen an, dass Sie wieder schlecht schlafen und viel zu selten regelmäßig essen. Und das schon eine ganze Weile.“ Kathryn entspannte sich etwas und lächelte unsicher: „Und da meinen Sie, ausgerechnet hier ist der richtige Platz und Sie sind ausgerechnet die richtige Gesellschaft, um sich zu erholen?“ „In der Tat, davon bin ich überzeugt!“ Inzwischen hatte sich die Rampe vollständig gesenkt und gab den Blick auf eine trockene, grasige Hügellandschaft frei. „Hmm!“, stieß Janeway ungläubig hervor und ging an die Luke heran, um hinauszusehen. Sie atmete tief die frische Luft ein. Die Landschaft erinnerte sie etwas an die heimatlichen Plains von Indiana. Chakotay war hinter sie getreten und lege eine Hand sanft auf ihre Schulter. Überrascht fuhr Janeway herum und errötete, als sie ihm in das Gesicht sah. Chakotay zog rasch seine Hand zurück. „Entschuldigen Sie, ich wollte nicht…“, begann er verlegen, „es ist nur… ich wollte nur fragen, ob Sie lieber…“ „Ist schon okay, Chakotay, ich würde mich freuen, Ihre Heimat kennen zu lernen“, sagte Kathryn, um die Szene zu entspannen. „Aber wie werden mich Ihre Leute aufnehmen? Ich könnte mir vorstellen, dass sie nicht gut auf Starfleet zu sprechen sind nach den Ereignissen in der Entmilitarisierten Zone in den letzten zehn Jahren. Sie werden mich hassen und meine Ankunft wird sie an das Vergangene erneut erinnern.“ „Machen Sie sich keine Sorgen, Cap…Admiral.“ „Kathryn.“ „Kathryn…meine Leute sind friedfertig. Wenn sie hören, was Sie für uns Maquis getan haben, werden Sie ihre Meinung zumindest über Sie, wenn auch nicht über Starfleet insgesamt ändern. Fürs Letztere wird es einiger überzeugender Zeichen seitens Starfleet brauchen.“ „Vielleicht kann ich ja dabei helfen“, stellte Janeway fest, erleichtert, ihrem Besuch einen „offiziellen“ Grund hinzuzufügen. Jetzt fühlte sie sich in ihrem Element und konnte Chakotay fest in die Augen sehen, obwohl ihre Schulter, die er berührt hatte, noch immer prickelnde, warme Sternchen bis in ihr Innerstes ausstrahlte. „Chakotay, lassen Sie uns aufbrechen!“ „Ich werde uns näher an mein Heimatdorf heran fliegen. Ich wollte Sie nicht vor vollendete Tatsachen stellen und Ihnen die Entscheidung zum Bleiben überlassen. Meine Familie wird sich freuen, Sie kennen zu lernen“, sagte er mit einem Seitenblick zu Kathryn und startete die Triebwerke.

 

Nach zehn Minuten landeten sie auf einer großen Waldlichtung, die mit mehreren neuen Blockhäusern bebaut war. Auch einige Tipis standen dort. Aus den Dachöffnungen quoll Rauch. „Wie in einem Roman von Cooper“, stellte Kathryn überrascht fest, als sie aufstand und sich neugierig auf Chakotays Steuerkonsole stützte, um besser hinaussehen zu können. „Sie werden sehen, Sie werden hier traumhafte Wochen haben“, sagte Chakotay und drückte ermutigend ihre Hand, die ihm am nächsten war. „Das hängt davon ab, ob es hier eine Badewanne gibt. Sie wissen doch, ich hasse Campingurlaub!“ Kathryn machte dazu ein schiefes, scheinbar verzweifeltes Gesicht. Erleichtert lachte Chakotay und Kathryn stimmte ein. „Es gibt in der Nähe aber einen See mit glasklarem Wasser, der stellt jede Badewanne in den Schatten“, fügte er hinzu.

 

Die Rampe des Flyers öffnete sich, und sie sahen, dass eine Gruppe traditionell gekleideter Indianer auf das Fluggerät zusteuerte. Die beiden Welten, die hier in gegenseitigem Einvernehmen aufeinander trafen, bildeten einen eigenartigen Kontrast zueinander.

Chakotay trat an die offene Luke, rief und winkte. Aus der Menschengruppe löste sich eine zierliche Gestalt, die allen voran auf sie zu stürmte. Janeway und Chakotay gingen die Rampe hinunter.  Chakotay hatte alle Mühe, das Gleichgewicht zu halten, als die junge Indianerin sich in seine Arme warf. Sie mochte zehn Jahre jünger sein als er. „Chakotay, ich hätte nicht gedacht, dich so schnell wieder zu sehen!“ „Sekaya, ich möchte dir jemand vorstellen…“ „Das brauchst du nicht, ich weiß schon, wen du mitgebracht hast.“ Damit ließ sie von ihm ab und drehte sich zu Kathryn um und umarmte sie ebenfalls, wenn auch mit Ehrfurcht: „Willkommen in Fruchtbare Erde, Captain Janeway!“ „Sekaya, Admiral Jane…“ Janeway wehrte ab. „Sagen Sie einfach Kathryn zu mir! Ich bin ganz privat hier.“ „Kathryn, das ist meine Schwester Sekaya. - Ich habe es für nötig befunden, dem Admiral einen Zwangsurlaub möglichst weit entfernt von Starfleet zu verpassen“, erklärte Chakotay Sekaya auf ihren fragenden Blick hin. „Verstehe“, meinte Sekaya, „Wir sollten aber die wahre Identität von Kathryn nicht zu publik machen. Du weißt, es gibt immer noch Sippen, denen Starfleet verhasst ist und die vor nichts zurückschrecken würden. Ich möchte nicht, dass sie bei uns in Gefahr gerät. Kathryn, hier bei uns brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Chakotays Freunde sind auch unsere Freunde und das Gastrecht ist uns ebenso heilig wie die Stätten unserer Vorfahren.“ „Ich werde schon auf mich aufpassen, da habe ich reichlich Übung durch die letzten sieben Jahre!“ „Das ist Kathryn. Habe ich sie dir nicht genauso beschrieben?“ „Ja“, lachte Sekaya, „so genau, dass ich gleich wusste, wen du mitgebracht hast!“ Janeway sah erstaunt zu Chakotay auf und hob eine Augenbraue. Chakotay lächelte verlegen, wurde rot und räusperte sich: „Ich glaube, wir werden erwartet“. Er deutete mit einer Kopfbewegung auf die übrigen Dorfbewohner, die in respektvoller Entfernung mit indianischer Zurückhaltung auf die Begrüßung warteten. „Danach zeig doch bitte Kathryn das Gästezimmer. Sie hat natürlich auch keine passenden Sachen für den Urlaub dabei. Kümmerst du dich bitte?“ „Selbstverständlich“, sicherte Sekaya ihm zu.

 

Nach der formellen Begrüßung durch den Dorfältesten von Fruchtbare Erde folgte Janeway Chakotays Schwester in eines der neuen Blockhäuser. „Wir mussten alles neu aufbauen, nachdem im Dominion-Krieg die Cardassianer hier alles verwüstet hatten. Wir sind zu unbedeutend, um Hilfe von außen zu erhalten. Seit dem Friedensabschluss zwischen der Föderation und Cardassia hat sich hier niemand blicken lassen, von Hilfe ganz zu schweigen. Aber andererseits sind wir auch froh darüber, niemandem zu Dank verpflichtet zu sein und so können wir ohne Einmischung ganz auf unsere Weise unser Leben im Einklang mit der Natur führen.“ „Ich verstehe“, sagte Kathryn, „solange ich hier bin, würde ich aber gern etwas von dem gutzumachen versuchen, was die Föderation offensichtlich versäumt hat. Sagen Sie mir bitte, wie ich helfen kann!“ „Wir sind dabei, eine kleine Kommunikationszentrale für diese Gegend aufzubauen. Da fehlen uns technisch versierte Leute, viele junge, ausgebildete Leute sind im Krieg ums Leben gekommen. Sie wissen ja, wie komplex so ein Projekt ist. Auch die Energieversorgung muss erst aufgebaut werden. Hier im Dorf haben nicht einmal alle elektrischen Strom. Die Kapazität unserer Solaranlage reicht einfach nicht aus.“ „Wann zeigen Sie mir ihre Anlagen?“ „Ich glaube, ich bekomme Ärger mit Chakotay, wenn ich Sie heute schon an die Arbeit lasse“, antwortete Sekaya lächelnd. „In erster Linie soll es doch Urlaub für Sie sein…“ „Oh, praktische Arbeit ist Urlaub für mich! Ich sitze sonst ja nur am Schreibtisch oder auf Versammlungen. Bitte, wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich gern gleich hingehen.“ „Also gut, Kathryn. Heute zeige ich Ihnen die Solaranlage, aber nur, weil sie auf dem Weg zu unserem See liegt. Der ist so wunderschön, den müssen Sie unbedingt heute noch kennen lernen!“ Verlegen hielt Sekaya inne: „Entschuldigen Sie, ich wollte Ihnen ja Ihr Zimmer zeigen und wir müssen noch ein paar Sachen zum Anziehen heraussuchen, denn ihre Kleidung ist wirklich…“ „Unpassend“, half Janeway Ihr bei der Wortwahl. „Aber Ihr Hosenanzug steht Ihnen wirklich sehr. Eigentlich schade, wenn er jetzt im Haus bleiben soll. Er hat das Blau Ihrer Augen. Wussten Sie das?“ Sie betraten ein kleines, helles Zimmer, ganz mit Blockhauswänden. „Ja? Ich meine: Nein. Ich mag dieses Blau einfach besonders.“ „Chakotay wird der Anzug auch sehr gefallen haben. Hat er nichts gesagt?“ „Nein“, antwortete Kathryn, erstaunt, wie privat ihre Unterhaltung geworden war und ließ sich langsam auf der Couch nieder. „Dazu stehen wir uns nicht nahe genug. Wir sind nur Freunde von unserem Dienst auf der Voyager her, wissen Sie?“  Sekaya setzte sich neben sie. „Sicher. Chakotay hat mir alles erzählt, als er damals nach der Rückkehr nach Hause kam. Von Anfang an. Aber es hörte sich für mich so an, dass er… Sie… er und Sie… dass Sie mehr sind als nur Freunde.“  Janeway wandte den Blick ab und sah aus dem Fenster, das zu einem Gemüsegarten hinausging. „Vielleicht waren wir das einmal. Aber das ist… lange her… vorbei… durch meine… Schuld“, brachte Janeway gequält hervor. „Ich habe ihn zurückweisen müssen…die Starfleetregeln. Er hat dann… nicht auf mich gewartet, wie er es mir einst versprochen hatte und ist… mit Seven… kurz bevor wir zurück kamen… es tut noch so weh…“ Weiter kam sie nicht. Sekaya griff nach ihrer Hand, als sie mit Schrecken bemerkte, dass die ältere Frau mit den Tränen kämpfte. „Kathryn, es tut mir leid! Das wusste ich nicht! Wie dumm von mir. Ach, und ich dachte, Sie und Chakotay… Es hatte sich so angehört dass er Sie liebt…“ Janeway hob überrascht den Kopf, schüttelte ihn dann traurig und resigniert. „…und Seven?“, fuhr Sekaya fort, „Warum hat er mir nichts davon erzählt? Also das verstehe ich nicht! Es tut mir so leid!“  Nun kamen auch Sekaya die Tränen. Sie zog kurzentschlossen Kathryn zu sich heran, und so saßen sie schluchzend zusammen auf dem Sofa.

Nach einer Weile sagte Janeway leise: „Ich habe noch nie mit jemandem darüber gesprochen. Bitte sagen Sie nichts zu Chakotay.“ Sekaya nickte und legte ihre Hand auf Kathryns Arm: „Ich bin für Sie da, falls Sie jemanden zum Reden brauchen. Ich werde jetzt aber endlich etwas zum Anziehen holen. Ich denke, meine Sachen passen Ihnen.“

Sekaya hatte kaum die Tür des Gästezimmers hinter sich geschlossen, als sie mit ihrem Bruder zusammenstieß. „Sekaya? Was ist passiert?“, fragte er besorgt, als er ihre roten Augen bemerkte. Aber Sekaya drängte sich wortlos an ihm vorbei und lief in ihr Zimmer.

 

Achselzuckend klopfte er an Kathryns Tür. „Kathryn? Ich bin’s.“ Keine Antwort. Janeway war bei der vertrauten Stimme aus ihren Gedanken hoch geschreckt und lauschte ihrerseits. Wie konnte sie ihn so hereinbitten? Es würde unweigerlich eine Diskussion geben oder zumindest würde Chakotay sich Sorgen machen. Sie beschloss, nicht zu antworten. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Sekaya wird doch hoffentlich nichts gesagt haben?

Chakotay klopfte noch einmal. „Kathryn? Ist etwas passiert?“, fragte er mit unruhiger Stimme. ‚Also muss er doch Sekaya zumindest gesehen haben.’, schlussfolgerte Janeway, ‚wie ich ihn kenne, wird er als vorbildlicher XO gleich hereinkommen, ob ich nun antworte oder nicht. Dann lieber gleich…’ Sie wischte sich schnell noch einmal mit beiden Händen über das Gesicht und straffte die Schultern. „Chakotay?“ Die Tür öffnete sich zögernd und Chakotay guckte vorsichtig in das Zimmer. Er sah, dass auch Kathryn geweint haben musste und konnte sich keinen Reim darauf machen. ‚Sie werden sich doch nicht gestritten haben!? – Nein, das passt weder zu Kathryn noch zu meiner Schwester!’ Mit schnellen Schritten war er bei ihr und setzte sich auf Sekayas Platz. „Kathryn, ist etwas passiert?“  Janeway schüttelte den Kopf und machte keine Anstalten, eine Erklärung abzugeben. „Ich hoffe, das Zimmer gefällt Ihnen?“, fragte Chakotay, um das Thema zu wechseln und die peinliche Stille zu durchbrechen. „Ja, sehr“, antwortete Janeway leise, „es ist so ruhig hier…“ „Zu ruhig für ein Kind des 24. Jahrhunderts?“ „Das muss ich erst herausfinden. Sonst werde ich mir Lärm suchen müssen.“ Kathryn gab Chakotay das Lächeln zaghaft zurück. Ihr Herz drohte stehen zu bleiben, als sein herzliches Lächeln sich vertiefte, seine Grübchen hervortraten und seine Augen wie glühende Kohlen unter den Wimpern hervor blitzten. Sie hatte das Gefühl, der Boden würde unter ihren Füßen schwanken. Er hatte immer noch Macht über sie, wenn er sie so ansah… ‚Zum Glück sitze ich auf der Couch’, dachte Janeway erleichtert. Sie wusste gar nicht, wo sie hingucken sollte und starrte immer noch Chakotays Gesicht wie hypnotisiert an. „Kathryn?“  Beinahe widerwillig löste sie ihren Blick. „Ist alles okay?“  „Ich… ich musste nur daran denken, was Sekaya mir erzählt hatte“, brachte Janeway hervor und hoffte, dass Chakotay in eine andere Richtung dachte als sie. „Hmm“, machte er zweideutig und erhob sich. Er lies seinen Blick über sie wandern. „Wir sehen uns dann zum Abendbrot.“

 

Kurz nachdem Chakotay gegangen war, war Sekaya zurück. „Sehen Sie nur, ich habe etwas gefunden, das wird Ihnen phantastisch stehen!“, rief sie schon an der Tür mit Begeisterung. Sofort war Janeway von ihrer Fröhlichkeit angesteckt und sprang auf. Sekaya breitete die Sachen auf der Couch aus: eine helle Hose aus festem, aber leichtem Stoff und dazu im selben Farbton ein mit indianischen Ornamenten in verschiedenen Blautönen besticktes, langes Hemd. „Meine Mutter hat dieses Hemd für mich genäht und bestickt, denn bei uns ist das Nutzen von Replikatoren für die Herstellung von Kleidung und Nahrung verpönt. Aber ich fand immer, das mir diese Farbe nicht so gut steht und deshalb“, fügte sie verschämt hinzu, „habe ich es nur ein- oder zweimal angezogen. Ich hatte es fast vergessen, weil es ganz unten in meinem Schrank lag.“ „Das ist ja wunderschön“, hauchte Kathryn ehrfurchtsvoll, „und ich habe keine Ahnung von Handarbeit. Das war mir immer zu langweilig“, ergänzte sie und schämte sich ihrerseits ein bisschen. Beide Frauen mussten darüber lachen und Kathryn machte sich daran, mit Sekayas Hilfe die Kleidung anzuziehen. „Und jetzt noch eine passende Frisur“, sagte Sekaya resolut und machte sich zielstrebig daran, Kathryns gut schulterlanges Haar probeweise auf verschiedene Art zu richten. Schließlich entschied sie sich für ein Haarband und fasste die Haare am Hinterkopf zu einer Art Zopf zusammen. „Sie haben schöne Haare“, meinte sie dabei, „aber ich glaube, Ihnen würde auch langes Haar gut stehen. Auf jeden Fall könnte ich dann noch mehr Frisuren ausprobieren.“ „Ich weiß, ich hatte auch einmal lange Haare.“ „ Warum haben Sie sie abgeschnitten?“, fragte Sekaya erstaunt, fast tadelnd. Kathryn zuckte die Achseln und sagte nichts. Sie hatte es getan, nachdem sie sich mit Chakotay ganz furchtbar gestritten hatte, weil sie wusste, dass er ihre langen Haare so mochte. Daran wollte sie jetzt aber nicht erinnert werden und schon gar nicht etwas dazu sagen.

Sekaya spürte den plötzlichen Stimmungswechsel und zog Janeway kurzerhand vor den Spiegel. „Und? Gefällt es Ihnen?“ Kathryn erkannte sich fast selbst nicht wieder in den exotischen Kleidungsstücken. „Sie können das lange Hemd auch als Kleid tragen“, erklärte Sekaya, „aber am Abend wird es hier ziemlich kühl. Deshalb habe ich ihnen auch noch dieses Poncho aus Wolle mitgebracht.“ „Sekaya, ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll…“ „Doch, darüber haben wir doch schon gesprochen… und außerdem ist das mein Begrüßungsgeschenk für Sie! – Kommen Sie, wir wollten doch noch zum See gehen, bevor es Abend wird!“ „Also gut, gehen wir“, sagte Janeway und reckte entschlossen das Kinn.

 

Die zwei Frauen gingen ein Stück durch den Wald und kamen dann an den Rand einer steppenartigen Landschaft, die sich in sanften Hügeln ausbreitete, soweit das Auge blickte. Hier befand sich auch in zweihundert Metern Entfernung die ausgedehnte Photovoltaikanlage, die Fruchtbare Erde mit Strom versorgte. „Beeindruckend“, meinte Janeway. „Die Kapazität ist trotzdem nicht ausreichend“, meinte Sekaya. „Ich könnte mir vorstellen, dass sich die Leistung der Kollektoren durch eine Optimierung des Lichtquantenkonverterarrays steigern lässt“, antwortete Kathryn, während sie am Solarzellenareal entlang gingen. „Vielleicht könnte man das einfallende Licht auch noch effektiver bündeln.“ „Ich dachte, Sie wären Raumschiff-Captain…“ „An der Akademie hatte ich eigentlich die wissenschaftliche Laufbahn angestrebt und Quantenphysik studiert. Aber wie es eben manchmal so kommt…“, fügte Janeway achselzuckend hinzu. „Und Sie?“ „Ich habe in Arizona Psychologie studiert. Unsere Techniker würden sich bestimmt freuen, wenn Sie Ihre Ideen Ihnen vorstellen würden“, kam Sekaya wieder zum Thema zurück. „Ich kann es kaum erwarten“, gab Janeway zu. „Das glaube ich Ihnen aufs Wort“, gab Sekaya lachend zurück. „Sie sind genauso, wie mein Bruder Sie…Entschuldigung!“, unterbrach sie sich erschrocken und hielt sich den Mund zu. „Sie haben ein enges Verhältnis zu Ihrem Bruder?“, unterbrach Janeway die unangenehme Pause. „Ja, obwohl er zehn Jahre älter ist als ich, haben wir uns immer sehr gut verstanden. Eigentlich gibt es keine Geheimnisse zwischen uns – na ja, ganz kleine Ausnahmen gibt es.“ „Sagen Sie, indianische Namen haben doch immer auch eine Bedeutung. Was bedeutet Ihr Name eigentlich?“ „Mein Name bedeutet Silbernes Mondlicht in Ihrer Sprache.“ „Oh, das klingt so romantisch“, schwärmte Kathryn, „und was bedeutet Chakotays Name?“, wagte sie anzufügen. „Eigentlich heißt er Amal.“ „Ja, das sagte er einmal“, warf Janeway ein. „Chakotay ist ja nur sein Name, den ihm seine Freunde, eigentlich außerhalb unseres Stammes, gegeben haben. Aber inzwischen nennen wir ihn hier auch alle so. Amal bedeutet ‚Eidechse’.“  Sekaya kicherte. „Verstehen Sie jetzt, warum er sich lieber Chakotay nennen lässt? Chakotay hat keine andere Bedeutung als Amal Kotay. Den Namen hatte mal jemand beim Maquis falsch bei einer Transmission verstanden und als ‚Chakotay’ weitergegeben. Das haben seine Freunde dann als Spitznamen für ihn übernommen.“ „Eidechse…“ sagte Kathryn halblaut zu sich selbst und jäh kam ihr die Suche nach ihrem Spirit Guide ganz zu Beginn ihrer gemeinsamen Reise in Erinnerung. Sie schüttelte verwundert den Kopf. ‚So ein Zufall… oder doch kein Zufall?’ Sie spürte einen schmerzlichen Stich in der Herzgegend, als sie an die Tage dachte, als sie noch einander vertraut haben. „Sehen Sie den See dort?“ Sekaya riss Janeway aus ihren Gedanken. Der Weg war wieder in den Wald eingebogen. Jetzt schimmerte der See durch die Bäume hindurch. Als sie an das Ufer des unerwartet großen Sees kamen, sah Kathryn, wie klar das Wasser war. Wie lange war sie nicht mehr geschwommen! „Sekaya, wollen wir nicht gleich schwimmen gehen?“  „Gern“, sagte sie, „mir ist auch so warm geworden von unserem schnellen Gang! Dort hinten ist eine schöne Badestelle, wo wir uns ausziehen und gut hineingehen können.“ „Ich habe gar keine Badesachen dabei“, sagte Janeway bedauernd. „Das ist bei uns gar nicht nötig“, sagte Sekaya erklärend. Wir leben hier sehr ursprünglich und besinnen uns auf unsere Wurzeln. Badesachen tragen ist bei uns deshalb gar nicht üblich. Außerdem werden wir um diese Zeit hier garantiert allein sein.“ Schließlich überwog bei Kathryn die Lust auf ein entspannendes, erfrischendes Bad.

Die Frauen entledigten sich ihrer Kleidung und legten sie auf einem alten Baumstamm ab. Dann ließen sie sich fast lautlos ins Wasser gleiten und schwammen mit schnellen Zügen auf den See hinaus. Das kühle Wasser umströmte erfrischend ihre Körper. Kathryn genoss die Gesellschaft von Sekaya. Sie hatte viel von Chakotays mitfühlender Art, nur war sie lebhaft und aufgeschlossen, während er ruhig und zurückhaltend war. Kathryn fühlte sich in ihrer Gegenwart irgendwie leicht und befreit. Sie konnte ganz sie selbst sein. Das tat gut nach all dem krampfhaften Lächeln gegenüber der Crew, den Starfleet-Offiziellen, den Medien…und Chakotay in den letzten Wochen. Wie von allein begann sie zu erzählen, von Anfang an…

 

Chakotay hatte die Zeit seit ihrer Ankunft mit seiner Mutter verbracht und begonnen, den Dachboden ihres Hauses auszubauen und hatte dann als Ausgleich noch ein Stück Wiese als neues Gartenbeet urbar gemacht.

Er war körperliche Arbeit nicht mehr gewöhnt und das heiße Klima auf Dorvan machte ihm außerdem wie immer zum Anfang zu schaffen. Es dauerte einige Tage, bis sich der Körper daran halbwegs gewöhnt hatte. Er war froh, dass sich seine Schwester und Kathryn offensichtlich so gut verstanden. Er fragte sich nur, was die verweinten Gesichter der beiden Frauen zu bedeuten hatten. ‚Wahrscheinlich irgendwelche Frauengeschichten’, dachte er kopfschüttelnd. Seine Mutter war ganz aufgeregt über den Gast, den er mitgebracht hatte. Immer wieder fragte sie ihn zu ihrer Reise aus. Als er von sich und Kathryn und dann von seiner Beziehung zu Seven erzählte, schüttelte seine Mutter missbilligend den Kopf. „Du hast Deinem Vater Kolopak keine Ehre gemacht, indem du dein Wort Kathryn gegenüber nicht gehalten hast, mein Sohn.“ „Ja, Mutter, ich weiß… ich weiß. Ich dachte auch, sie wollte mich nicht mehr. Sie hat niemals mehr etwas gesagt, dass sie möchte, dass ich auf sie warte. Dass sie mich liebt… Wie erschrocken sie mich damals angesehen hatte, als sie mich mit Seven… ganz bleich ist sie geworden… Da wurde mir erst bewusst, dass ich wohl irgendetwas falsch gemacht hatte, dass sie etwas für mich gefühlt haben muss. Sie hatte es nur immer vor allen, auch mir, verborgen. Ich kann mich selbst nicht verstehen. Ich weiß, sie hat deshalb oft geweint. Keiner sollte es sehen, aber dazu kenne ich sie zu gut.  Sie konnte es nicht vor mir verbergen. Es tat mir plötzlich alles so leid! Aber ich hatte da schon Seven mein Versprechen gegeben… Ich konnte nicht mehr zurück… Wie konnte ich nur glauben, mit Seven eine Zukunft aufbauen zu können? Sie kommt niemals an Kathryn heran! Kathryn ist einzigartig. Ich habe sie so sehr enttäuscht. Sie wird mir nicht mehr glauben… in dieser Beziehung nicht. Ich weiß ich habe ihr solchen Schmerz zugefügt…Sie verachtet mich sicher inzwischen aus tiefster Seele. Als ich sie heute gerade aufmunternd an der Schulter berührte, ist sie erschrocken zusammen gefahren und vor mir zurückgewichen… Was kann ich jetzt nur tun?“ „Mein Sohn, Kathryn ist eine Kriegerin und Krieger sprechen nicht über Gefühle. Ich habe es in ihren Augen gesehen, wie sehr sie dich noch mag. Wie sie sich in ihrem Innersten nach dir sehnt. Glaub es mir. Aber sie ist auch von Zweifeln und Misstrauen geplagt. Ich kann bis in ihre Seele sehen, denn ihr Blick ist klar und ehrlich. Es wäre für mich eine Ehre, sie zur Tochter zu haben. Wenn du sie liebst, musst du sie für dich zurückgewinnen.“, sagte die alte Indianerin und wiegte ihren Kopf. „Du hast das Sehen in die Seele verlernt, Amal, seit du damals mit deinen Maquis-Freunden fort geflogen bist.“ Chakotay senkte den Kopf und nickte nachdenklich. „Ich werde erstmal zum See gehen und mich erfrischen. Das Klima hier…“ „Lass alles an dich herankommen. Übe dich in Geduld, mein Sohn. Kathryn sieht auch richtig krank aus. Ihr müsst beide erstmal zu Euch selbst finden. Die Zeit kann viele Wunden heilen, Amal.“

 

Kathryn und Sekaya  waren eine Weile in ihr Gespräch vertieft über den See geschwommen, als sie plötzlich ein lautes Plätschern hörten. Als sie sich umsahen, bemerkten sie noch das Wogen des Wassers, wo jemand hinein gesprungen war. Erschrocken sahen sie sich an und warteten, bis derjenige wieder auftauchen würde. „Das ist ja Chakotay!“, rief Sekaya freudig und winkte dem anderen Schwimmer zu. Kathryn wünschte sich, der See würde sie verschlucken. Plötzlich war ihr das klare Wasser unangenehm. Aber jetzt aus dem Wasser zu steigen, kam erst recht nicht in Frage.

„Hallo!“, prustete Chakotay, als er heran gekrault war. „Ich dachte, ich wäre heute Abend allein hier!“ Er war sichtlich froh, die beiden so einträchtig hier zu sehen. Dabei glitten seine Blicke über Kathryns Gesicht, das von nassen Haaren  umrahmt war, hinunter auf das Wasser. Janeway fühlte, wie ihr eine heiße Röte ins Gesicht stieg. Die schlafenden Schmetterlinge in ihrem Bauch entfalteten ihre Flügel, als sie seinen muskulösen Körper durch die Wasseroberfläche schimmern sah. Gemeinsam setzten sie ihre Schwimmstrecke fort. Chakotay wich nicht von ihrer Seite. Chakotay sah Kathryns Körper durch das klare Wasser. Ihre zierliche, elfenbeinfarbene Figur überflutet vom Spiel des Sonnenlichtes in den Wellen. Er spürte, wie sein Körper darauf reagierte. Wenn er beim Ausatmen den Kopf unter Wasser hielt und zu Kathryn wandte, konnte er ihren schlanken Körper sehen, wie er durch das Wasser glitt. Nein, das konnte er nicht noch einmal tun. Er würde das Schwimmen völlig vergessen und …wahrscheinlich ertrinken.

Manchmal streiften sich beim Schwimmen ihre Arme oder Hände wie zufällig. Sie spürte die Wasserströmung, die seine kräftigen Schwimmzüge wie heimliche Zärtlichkeiten gegen ihren Körper sandten. Kathryn konnte sich plötzlich überhaupt nicht mehr auf ihre Unterhaltung konzentrieren. Heiße Funken entluden sich in ihrem Körper und drohten, ihr den Verstand zu rauben. Sekaya war es nicht entgangen, dass Kathryn immer stiller wurde und nur abwesend auf ihre Fragen reagierte. Sie sah starr geradeaus und spürte Chakotays Blicke aus den Augenwinkeln. ‚Nur nicht Chakotay ansehen, dann ist es aus mit mir’, dachte sie.

Sekaya sah zu ihrem Bruder, der dafür Kathryn nicht aus den Augen ließ. Auch er schien sich in seine Welt zurückgezogen zu haben. Sie tat, als ob sie das nicht bemerkte und plauderte munter weiter, um die beiden nicht einer peinlichen Stille auszuliefern.

Mit einem Mal sagte sie: „Großer Manitu, ich wollte ja Mutter noch frischen Mais vom Feld holen, entschuldigt mich, ich muss gleich zurück! Kathryn, Du kannst ja mit Chakotay heimkommen…“, rief sie über die Schulter zurück, als sie eilig der Badestelle zuschwamm und das Paar verdattert zurückließ.

Chakotay und Kathryn sahen Sekaya entgeistert nach und dann sich gegenseitig an. Sie hielten im Wasser auf der Stelle schwimmend die Balance. „Kathryn, ich… ich muss mit Ihnen reden… ich möchte mich entschuldigen…“ Chakotay rang nach Worten. „Aber wofür denn?“ „…dass ich mich den ganzen Tag nicht um Sie gekümmert habe“, sagte er schnell mit rauer Stimme und verwünschte sich im selben Moment für seine Feigheit. „Es war ein schöner Tag mit Sekaya. Ich mag sie wirklich sehr, Chakotay. Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Sie müssen sich doch in erster Linie um Ihre Mutter kümmern. Ich komme schon allein zurecht!“ „ Ich wollte eigentlich sagen… wollte sagen, dass…“ Chakotay versagte die Stimme. Er schwamm kurzerhand  ganz dicht an Kathryn heran und küsste sie auf die Wange. Für einen Moment berührten sich ihre Körper unter Wasser. Auch wenn keiner von Ihnen es wagte, offensichtlich vor sich ins Wasser zu starren, so fühlte jeder die unerforschten Stellen des anderen für einen Augenblick auf seiner Haut. Als er sich von ihr löste, sahen sie sich in die Augen. Er lächelte verlegen, während Kathryn wie zu Stein erstarrt um Atem rang. „Ich nehme an, Sie vermissen Seven. Aber ich bin nicht Ihr Ersatz für sie!“, fauchte Janeway im Affekt zurück, bereute aber im selben Moment ihren Ausbruch. Es war doch nicht mehr als eine freundschaftliche Geste! „Wir treffen uns dann am Ufer, wo der Weg vom Ufer fortgeht. Ich möchte nicht, dass Sie allein zurückgehen.“ Ohne auf ihre Bemerkung einzugehen und ohne eine Antwort abzuwarten, tauchte Chakotay weg und kraulte an das Ufer zurück, inständig hoffend, dass sein Körper sie wieder vergessen hatte, wenn er aus dem Wasser stieg. Er ärgerte sich, dass er nicht auf seine Mutter gehört und ihr Zeit gegeben hatte. Vielleicht hatte er jetzt endgültig alles verdorben.

Kathryn schwamm zu ihrer Badestelle und richtete sich erst im Schutze des Uferbewuchses auf, um an Land zu gehen. Sie fragte sich, ob es nötig gewesen war, Chakotay so vor den Kopf zu stoßen. Wollte sie ihn, seine Liebe in ihrem Innersten nicht noch immer? Wenn sie die Augen schloss, fühlte sie noch immer Chakotays Kuss und seinen Körper so nah an ihrem. Jedes Mal sandte dieser Gedanke einen heißen Strahl durch ihr Herz in ihren Unterleib. Das brachte sie völlig durcheinander. Kathryn sah wieder Chakotay mit Seven Hand in Hand… sie anlächelnd… sie küssend… Das konnte sie ihm nicht vergessen… er hatte sie kompromittiert vor aller Welt. Alle Crewmitglieder haben auf den letzten Lichtjahren zur Erde sie und ihn abwechselnd angestarrt. Chakotay hatte davon offensichtlich nichts bemerkt… Und trotzdem machte sie zu allem eine freundliche Miene.

Ein Glück nur, dass sie die beiden nicht trauen musste, wie ihr Alter Ego. Was musste der alte Admiral erst für Qualen durchgestanden haben… Immer wieder musste sie daran denken. Sein Kuss hatte die tief in ihre verletzte Seele verbannten schmerzlichen Erinnerungen wieder heraufbeschworen. Janeway musste sich gewaltsam zusammennehmen, um ihre Sachen vernünftig anzuziehen. Sie schluckte an ihrem Kloß im Hals. ‚Nein, ich bin schließlich nicht sein Lückenbüßer, seine zweite Wahl!’ Am liebsten wäre sie allein nach Hause gegangen, aber das konnte sie einfach nicht tun. So strich sie sich im Gehen die feuchten Haarsträhnen aus dem Gesicht und traf bald auf Chakotay, der sie schon erwartete.

Er atmete überrascht ein, als er Kathryn in Indianertracht sah. Ihre zerzauste Frisur gab ihr einen Hauch Verwegenheit. Das Blau der Stickerei widerspiegelte sich im Blau ihrer Augen. Er fühlte Stolz in sich aufsteigen über Kathryn. Seine Kathryn. Zumindest hoffte er es verzweifelt, dass sie es einmal wieder sein würde. Wie auf New Earth. „Sie sehen phantastisch aus, Kathryn!“ Er strahlte sie an und seine Grübchen vertieften sich. „Sie brauchen sich nicht mehr bei Ihrem Vorgesetzten einzuschmeicheln, Commander. Wir haben hier keine Kommandostruktur mehr.“

Er wurde ernst, fasste sanft ihre Schultern, schluckte und sah ihr fest in die Augen. „Dieses Mal meine ich es ernst, Admiral“, sagte er leise mit brüchiger Stimme. „So?“ gab sie ebenso leise wie atemlos zurück, während er sein Gesicht ihrem näherte. Janeway versteifte sich abwehrend. Kurz bevor sie sich berührten, sagte Chakotay: „Es tut mir so leid, dass ich… Ihnen so weh getan habe… dass ich mein Wort gebrochen habe… Ich weiß, dass ich das nicht ungeschehen machen kann, Kathryn… Ich kann Sie nur anflehen, mir zu verzeihen… mir eine zweite Chance zu geben… bitte…“ Kathryn sah ihm ernst in die Augen, Tränen stiegen in ihr auf. Sie legte ihre Fingerspitzen kurz auf seine Lippen und wandte ihr Gesicht ab. Er hob seine Hand und hob ihre Finger wieder an seinen Mund und küsste sie sanft. Kathryn trat überrascht über das überwältigende Gefühl, das sie durchströmte, einen Schritt zurück und zog ihre Hand weg. „Bitte lassen Sie das Chakotay, sie tun mir nur weh damit.“, sagte sie kaum hörbar. Schweigend und ernst sahen sie einander in die Augen, sie in seine tiefbraunen voller Hoffnung und er in ihre meerblauen voller Schmerz. Er konnte ihren Blick kaum ertragen. Er bot ihr fürsorglich seinen Arm an. „Danke, Chakotay. Ich gehe lieber allein.“ Schweigend gingen sie nebeneinander zurück nach Fruchtbare Erde. Chakotay beobachtete sie verstohlen von der Seite und musste dabei an ihren Besuch auf Tevlik’s Moon denken, an ihren Flug, an das gemeinsame Schwimmen. In der traditionellen Kleidung seines Volkes sah sie wie eine richtige Squaw aus. Wärme und Zuneigung breitete sich in ihm aus. Würde er jemals Kathryns Vertrauen zurückgewinnen? Er war so ein blinder Idiot gewesen! Sie hatte das gute Recht, ihn jetzt abzuweisen! ‚Aber ich werde um dich kämpfen“, schwor er sich, ‚ich will alles wieder gutmachen!’

 

Stumm und auf Distanz zueinander kamen beide im Dorf an, wo sie bereits zum Abendessen erwartet wurden. Chakotay bemühte sich auffallend den ganzen Abend um sie. Aber obwohl Kathryn sich nichts anmerken ließ, schien es Chakotay, als ob sich der Riss zwischen ihnen jetzt eher noch weiter aufgetan hatte, seit sie hier waren – oder dass er sich durch sein unbedachtes Vorpreschen erst richtig aufgetan hatte.

 

Am nächsten Morgen ging Janeway schon früh, bevor es unerträglich heiß wurde, zu einem Treffen mit den Technikern, um über die beiden Projekte zu sprechen. Sie besichtigte eingehend die Photovoltaikanlage, las In- und Outputaufzeichnungen, Effizienzberechnungen, Schaltpläne, die  Pläne für die Kommunikationszentrale, ließ sich die vorhandenen Materialien zeigen. Mit einem Stapel PADDs kehrte sie in ihr Zimmer zurück. Sie schob Tisch und Stuhl an das Fenster und setzte sich an die Arbeit. Das war jetzt genau das Richtige, um diese unangenehm verwirrenden Gefühle unter Kontrolle zu bringen. Hier wurde sie gebraucht, und das war, was zählte. Hier sich nützlich zu machen, würde wirklich ein interessanter Urlaub werden!

Je länger sie sich mit den Aufzeichnungen befasste, desto klarer wurde ihr, dass mit den vorhandenen Mitteln und spärlichen Replikatorkapazitäten die Projekte nicht zum gewünschten Erfolg geführt werden konnten. Sie ging zum Alpha-Flyer und öffnete einen Kanal zur nächsten Raumbasis der Föderation, Deep Space Nine. „Admiral Janeway an Deep Space Nine!” „Deep Space Nine, hier Lieutenant Dax. Wir hören Sie, Admiral!“ Eine überaus attraktive, kurzhaarige Trill erschien auf dem Bildschirm. „Wie können wir Ihnen helfen?“ „Ich befinde mich auf einer…mehr privaten Hilfsmission auf Dorvan V. Wir brauchen dringend einige technische Hilfsmittel und Bauteile für den Aufbau einer Kommunikationseinheit und den Ausbau einer Photovoltaikanlage. Außerdem wären medizinische Ausrüstungsgegenstände sehr nützlich.“ „Uns sind die Probleme in der ehemaligen Entmilitarisierten Zone hinreichend bekannt“, bestätigte Dax, „leider konnten wir noch nicht überall helfen. Ich verbinde Sie mit unserem Chefingenieur, am besten Sie besprechen mit ihm direkt, was Sie benötigen.“ „Ich danke Ihnen, Lieutenant.“ Der Bildschirm flackerte kurz, dann erschien das Gesicht eines Ferengi auf dem Display. Janeway hob erstaunt eine Augenbraue. „Lieutenant Nog“, stellte sich der Ferengi dienstbeflissen vor, „Sie sind Admiral Janeway von der Voyager? Es ist mir eine Ehre, Sir. Ich erinnere mich noch, als Sie damals von DS9 gestartet sind. Ich hatte mir damals mit meinem Freund Jake Sisko Ihr Schiff angesehen. Wie kann ich ihnen helfen, Sir?“ „Ich bin überrascht, dass wir auch Ferengi in der Flotte haben, Lieutenant! Ich glaube, ich habe wirklich einiges versäumt.“ „Ich bin der einzige Ferengi, Admiral, und sehr stolz darauf!“ Er strahlte über das ganze Gesicht. „Bitte, wie kann ich Ihnen helfen?“ „Ich sende Ihnen eine Liste der Dinge, die wir auf Dorvan V brauchen, Lieutenant. Bitte sehen Sie, was Sie und in welcher Frist zur Verfügung stellen können.“ „Aye, Sir“, antwortete Nog und studierte die Daten, die jetzt von Janeway gesendet wurden. „Dank unserem ehemaligen Chefingenieur Chief O’Brien haben wir ein hervorragend sortiertes Lager. Ich kann ihnen alles zur Verfügung stellen, Sir. Leider haben wir gerade kein Schiff zur Verfügung, was wir entbehren können, Sir. Die Defiant ist gerade im Gamma-Quadranten und unsere Runabouts benötigen wir für bereits laufende Missionen.“ „Vielen Dank, Mister Nog. Ich werde persönlich nach DS9 kommen. Stellen Sie alles zusammen. Ich werde in 18 Stunden dort sein. Janeway Ende.“ Janeway kletterte aus dem Flyer und ging zurück zum Haus. Niemand war dort. Sie suchte nach Chakotay, versuchte ihn zu kontakten. Aber er hatte wohl seinen Kommunikator nicht mitgenommen. Schnell tippte sie eine Nachricht in ein PADD und legte es auf die Ecke ihres Tisches. Ihr lief die kostbare Zeit davon. Schnell entledigte sie sich der Bluse von Sekaya und warf sie auf das Bett. Kathryn raffte ihre wenigen persönlichen Dinge zusammen, schlüpfte in ihre Uniform. Egal, wenn Sie jetzt niemandem Bescheid sagen konnte… ‚Chakotay hatte sich schließlich auch nicht um meine Gefühle gekümmert’, fügte sie trotzig hinzu und reckte das Kinn. Er würde ja erfahren, wo sie war, wenn er das PADD las. Und in ca. 50 Stunden würde sie mit Maximum Warp ohnehin wieder zurück sein. Sie hatte keine Lust, wertvolle Zeit mit Warten und Suchen zu vergeuden. Sie guckte sich hektisch noch einmal im Zimmer um, ob sie etwas vergessen hatte. ‚Vielleicht ist es doch nützlich, wenn ich meine Aufzeichnungen dabei habe. Unterwegs könnte ich die Berechnungen auch noch mal durchgehen’, überlegte sie. Dann schob sie kurzerhand alle PADDs vom Tisch in ihre Tasche.

Sie lief zum Alpha-Flyer und initiierte die Startsequenz und gab die Zielkoordinaten in den Autopilot ein.

 

Chakotay war mit den anderen Männern im Wald beim Bäumefällen für ein neues Blockhaus, als ein heftiges Pfeifen und Blätterrauschen sie beunruhigt aufsehen ließ. Über ihren Köpfen zog der Alpha-Flyer mit elegantem Schwung dem Himmel entgegen. Chakotay tippte reflektorisch an seine Brust, stellte dann aber ärgerlich fest, dass er leichtsinnigerweise seinen Kommunikator im Haus hatte liegen lassen. Er ließ seine Axt sinken und guckte ratlos dem Flyer nach, der schon bald als ein Punkt zwischen den Wolken verschwunden war. Bis er bei seinem Kommunikator war, war das Schiff ohnehin außer Kommunikationsreichweite, stellte er resigniert fest. Trotzdem musste er nach Hause, um zu erfahren, warum Kathryn weggeflogen war. War jemandem etwas passiert oder - schlimmer noch – war sie wegen ihm fortgeflogen, weil sie seine Gegenwart nicht mehr ertragen konnte? Hätte er doch bloß nicht diesem plumpen Annäherungsversuch gestern gemacht. Hatte er jetzt ihre Freundschaft ganz zerstört? Auf Tevlik’s Moon noch schien alles okay zwischen ihnen. ‚Zumindest schien es so’, musste er sich eingestehen, ‚Kathryn hatte sich ja nie etwas anmerken lassen… weder ihre Gefühle für mich noch ihre Gefühle gegenüber Seven und mir.’ Chakotay wurde ganz übel, als er wieder daran dachte, was er Kathryn angetan hatte. Nur eine Sekunde lang hatte er ihre wahren Gefühle für ihn gesehen… zu spät…! Dann war wieder alles unter Kontrolle hinter ihrer Maske. Chakotay war, ohne es zu bemerken, in Laufschritt gefallen. Er stürzte ins Haus. Niemand da. Eilte in Kathryns Zimmer. Es war leer. Die bestickte Bluse lag auf ihrem Bett, die übrigen Dinge von Sekaya lagen im Schrank. Alle ihre persönlichen Dinge waren weg. Keine Nachricht.

 

Er lief hinaus und traf seine Mutter und Sekaya, die gerade vom Feld heimkamen. Sie erschraken, als Chakotay ihnen berichtete, was vorgefallen war. Ratlos suchten ihre Augen vergeblich den Himmel ab.

Entmutigt und schweren Herzens ging Chakotay wieder an seine Arbeit. Die Männer verloren in ihrer verschlossenen Art kein Wort über den Vorfall.

 

In der Nacht wälzte sich Chakotay unruhig hin und her. Schweißnass erwachte er aus einem Alptraum. Die Cardassianer hatten Kathryn gefangen genommen und gefoltert. Er konnte sie sehen und schreien hören, aber nicht zu ihr gelangen. Schwer atmend stand er auf und ging ans Fenster. Der Landeplatz des Flyers lag leer im Mondlicht. Er versuchte sich zu beruhigen, dass die Cardassianer momentan eigentlich ganz andere Probleme hatten, als Föderationsbürger zu kidnappen. Ihre Flotte war durch ihre unglückselige Allianz im Dominion-Krieg total zerstört worden. Auch war jetzt eine Regierung auf Cardassia Prime im Amt, die sehr auf friedliche Beziehungen mit der Föderation, den Klingonen und Romulanern bedacht war. Trotzdem konnte er seine Sorge um Kathryn nicht unterdrücken. Vor allem: Warum war sie fort? Verdammt, er vermisste sie so! Er ging nach nebenan in Kathryns Zimmer und ließ sich auf in ihr Bett fallen. Tief sog er ihren noch anhaftenden Duft ein. „Kathryn… wo bist du? …ich war so ein Idiot… so ein Idiot… ich möchte Dich zurück… Ich habe es nicht gewusst… Du bist die Einzige, die ich jemals wirklich geliebt habe!“ Er drückte ihr Kissen an sich und schluchzte leise.

 

Als der Alpha-Flyer den Dorvanianischen Sektor verlassen hatte, nahm sich Janeway ihre PADDs zu Hand, um sie noch einmal durchzusehen und um danach ein bisschen zu schlafen, bis der Autopilot die Annäherung an Bajor signalisieren würde. Sie nahm den Packen PADDs in ihren Schoß und sah kurz auf den Inhalt jedes Einzelnen, um zu überlegen, womit sie beginnen sollte. Als sie das dritte PADD einschaltete, starrte sie entgeistert auf die Anzeige. Es war das PADD, welches sie als Nachricht hinterlassen wollte! Sie hatte es aus Versehen mit eingepackt. „Verdammter Mist!“, fluchte Kathryn. Sie sah auf den Monitor des Autopiloten. Natürlich war sie längst außer Kommunikationsreichweite. „Verdammt!“ Nun würde niemand wissen, wohin sie unterwegs war und vor allem, warum sie Dorvan verlassen hatte… Da diese Gegend von Dorvan auch keine Kommunikationseinheit besaß, konnte sie auch keine Nachricht an Chakotay schicken. Die Nachrichten von der nächsten Kommunikationszentrale würden zwei Tage brauchen, wie Sekaya erzählt hatte, bis sie Fruchtbare Erde erreichten. Dann wäre sie ja auch fast wieder zurück. Verzweifelt rieb sie sich die Stirn und beschloss, ihre Mission wie geplant fortzusetzen und keine Nachricht nach Dorvan zu schicken. Sie ging zum Replikator: „Kaffee, schwarz!“, nahm die Tasse und setzte sich vor ihre PADDs. Aber die Worte und Zahlen verschwammen zu Erinnerungen an die letzten Tage mit Chakotay. Sein Kuss auf die Wange… vor ein paar Wochen noch wäre sie vor Glück fast in Ohnmacht gefallen.

Dann tauchten wieder die Bilder von Chakotay auf, wie er Seven hielt und küsste. Dieses Gefühl verschmäht und betrogen worden zu sein, zweite Wahl zu sein hinter einer jungen, kurvigen Blondine, die ihre Tochter hätte sein können, nein, die ihr fast wie eine Tochter war… Wenn Seven sich doch wieder meldete bei Chakotay – wem würde er den Vorzug geben? Ihr selbst wohl kaum. Er hatte es ja schon einmal bewiesen.

 

Sie atmete tief durch und konzentrierte sich wieder auf ihre Aufzeichnungen. Irgendwann wurde sie müde und lehnte sich zum Schlafen einfach im Pilotensitz zurück.

Vom Piepen der Kommunikationskonsole wurde sie wieder geweckt. Sie öffnete den Kanal „Hier Alpha-Flyer, Admiral Janeway, Föderation der Vereinten Planeten“ „Hier Rio Grande. Grenzkontrolle Bajoranischer Sektor. Bitte nennen Sie uns Ihre Ladung und Ziel.“ „Erbitte Durchflug nach DS9, keine Ladung an Bord.“  „Erlaubnis erteilt. Entschuldigen Sie, Admiral, aber  wir müssen unsere Vorschriften befolgen.“ „Selbstverständlich. Janeway Ende.“

Deep Space Nine war inzwischen in Sicht gekommen. Die imposante Raumstation cardassianischer Konstruktion rotierte kaum merklich voraus im All. An ihren Pylonen hatte sich damals auch die Voyager für ihren Flug in die Badlands vorbereitet, der ihr Leben so sehr verändern sollte.

Eine halbe Stunde später machte der Alpha-Flyer am Andockring der Station fest. Lieutenant Nog hatte schon die gesamte Ladung in die vorgesehene Luftschleuse bringen lassen. „Willkommen auf Deep Space Nine, Admiral“, begrüßte der Ferengi sie eifrig, „Colonel Kira erwartet sie bereits.“ Er ging Janeway gerade bis an die Brust, strahlte aber vor Selbstbewusstsein. Er geleitete sie in das Büro der Stationskommandantin. „Nochmals willkommen, Admiral. Mein Name ist Kira Nerys.“ Der Colonel, eine dunkelhaarige, rassige Bajoranerin, sprach mit temperamentvollen Gesten, die ihren traditionellen Ohrschmuck hin und her schwingen ließen. In der Hand der Kommandantin bemerkte Janeway einen Baseball, den sie auf den Schreibtisch legte, als sie  Janeways irritierten Blick bemerkte. „Darf ich ihnen die Station zeigen?“ „Gern. Bei meinem letzten Aufenthalt hatte ich leider keine Zeit dazu. Ich hatte gerade ein neues Schiff als Kommando erhalten.“ Während ihres Rundganges berichtete Kira über den Einsatz der DS9-Crew im Dominion-Krieg. Janeway stellte bedrückt fest, wie wenig sie durch die offiziellen Stellen im Hauptquartier dazu erfahren hatte.  

„Admiral, Sie haben Glück“, sagte die Bajoranerin, „in wenigen Minuten wird die Defiant aus dem Gamma-Quadranten zurück erwartet. Die Öffnung des Wurmloches, oder wie wir Bajoraner sagen, des Tempels der Propheten, ist ein grandioser Anblick, den sollten Sie nicht verpassen. Wir gläubigen Bajoraner sagen auch, man könne sich etwas wünschen, wenn der Tempel sich öffnet“, fügte sie lächelnd hinzu.

„Wenn ich jetzt schon einen Wunsch äußern dürfte: Ich würde auch gern mehr zur Physiologie der Gründer erfahren“, gab Janeway zu. „Da wird Doktor Bashir Ihnen gern alle seine Forschungsergebnisse präsentieren“, antwortete Kira und plötzlich verdunkelte sich ihr Blick. „Colonel?“ Janeway sah die Bajoranerin besorgt an und nahm ihre Hände. „Admiral, ich war mit einem Gründer … sehr eng… Ich… Wir haben uns geliebt. Er ist nach dem Krieg zu seinem Volk zurückgekehrt, um seine Erfahrungen mit uns Solids in die Große Verbindung einzubringen.“ „Es tut mir leid.“, sagte Kathryn schlicht und Kira sah in ihren Augen, dass sie eine ähnlich Erfahrung gemacht haben musste wie sie. Als sich das Wurmloch öffnete, sahen sich beide Frauen bewundernd das überwältigende Farbenspiel an. Dann blickten sie sich stumm an und umarmten sich spontan. Sie wussten: Jede hatte sich etwas gewünscht…

 

„Die Defiant wird Ihren Flug bis zum Dorvanianischen Sektor überwachen. Wir haben momentan Probleme mit Piraten in diesem Gebiet. Wahrscheinlich ehemalige Maquis, die die mangelnde Präsenz der Cardassianer und Föderation ausnutzen. Es ist anzunehmen, dass sie hier auf DS9 ihre Spione haben und wenig bewaffnete Schiffe mit wertvoller Fracht an ihre Komplizen melden. Vielleicht können wir auf diesem Wege gleich ein paar von ihnen auf frischer Tat fassen. Die Defiant wird ihnen nach ca. 30 Minuten getarnt folgen und Sie gewissermaßen als Köder benutzen, wenn sie einverstanden sind, Sir.“ „Es ist meine Pflicht, Sie dabei zu unterstützen. Sie können auf mich zählen, Colonel.“ „Viel Glück, Admiral!“, sagte Kira. „Ihnen auch…und danke, Colonel.“

 

Janeway war froh über die Warnung. Ob mit oder ohne Defiant, sie musste also auf  wahrscheinliche Übergriffe vorbereitet sein. Der Alpha-Flyer war als Kurzstrecken-Shuttle gedacht und verfügte über so gut wie keine Verteidigungssysteme. Sie würde sich auf ihre Fähigkeiten und etwas Glück verlassen müssen…

 

Der Alpha-Flyer erreichte wider Erwarten ohne Probleme den Dorvanianischen Sektor. Kathryn lehnte sich erleichtert zurück. Sie ging unter Warp. Nun würde auch die unsichtbar gebliebene Defiant ihren Rückweg antreten. ‚Leider ohne Erfolg’, dachte sie bedauernd. Noch fünf Stunden Flug… Sie freute sich schon darauf, ihre Hilfsgüter ausladen zu können und so ein Samenkorn des Vertrauens in die Föderation auf Dorvan zu säen. ‚…und ich freue mich auf Chakotay’, musste sie sich beinahe unfreiwillig eingestehen, als sie das Kribbeln der Vorfreude spürte.- Aber schließlich freute man sich ja immer, wenn man gute alte Freunde wieder sah’, fügte sie in Gedanken schnell hinzu, wusste aber irgendwie in ihrem tiefsten Inneren, dass das nicht die ganze Wahrheit war.

Dann ertönte hektisch der Annäherungsalarm des Flyers. Dorvan konnte es noch nicht sein. Hatte sie etwas Falsches in den Computer eingegeben? „Computer…“ weiter kam sie  nicht, als eine Phasersalve vor den Fenstern aufblitzte und den Flyer aus der Bahn warf, so dass Janeway zu Boden stürzte und sich den Kopf an der Steuerkonsole aufschlug. Eine weitere Salve folgte, „Schilde bei 30 Prozent“, ertönte es aus der automatischen Waffenkontrolle. Wieder traf eine Energiewelle den Flyer. Janeway klammerte sich an die Konsole und setzte mit fliegenden Fingern einen Notruf ab und gab ein paar taktische Befehle ein. Funken sprühten aus der Energieleitung an der Steuerbordwand. „Warnung: Schilde ausgefallen.“ Im selben Moment materialisierten drei maskierte Gestalten mit vorgehaltenen Waffen im Heck des Flyers. Kathryn duckte sich. Sie legten auf Janeway an und drückten ab. „Sie hat ein Dämpfungsfeld errichtet“, schrie einer der Männer. Janeway sprang vor, um die Verwirrung ihrer Feinde auszunutzen. Und streckte einen der Eindringlinge mit einem Schlag  mit dem Kolben des Phasengewehrs nieder. Dann schlugen sie mit den funktionslosen Feuerwaffen aufeinander ein. „Lass sie am Leben, sie könnte uns als Geisel nützen“, keuchte einer der Männer. Sie hatten Janeway in eine Ecke gedrängt. Sie stand mit dem Rücken zur Wand und versuchte mit einem Roundhouse-Kick, einen ihrer Gegner zu Fall zu bringen. Schweiß und Blut liefen ihr in die Augen. Plötzlich sprang der andere der Männer vor,  drückte ihr das Gewehr an die Kehle und presste sie gegen die Wand. „Aber wir können doch mal sehen, ob sie auch soviel Temperament bei anderen Dingen hat“, drängte sich an sie und versuchte Janeway die Kleidung vom Leib zu reißen. Sie trat, kratzte und biss um sich, was die Männer aber zu mehr Grobheit anstachelte. Sie schlugen ihr ins Gesicht und in den Bauch, warfen sie über die Konsole. Der Flyer begann zu trudeln. Eine Explosion in der Nachbarschaft des Flyers ließ das Schiff erzittern. Dann stabilisierte sich das Schiff wieder.

Dann  brachen mit einem Mal beide Männer über ihr zusammen.

Janeway wischte sich über die Augen und sah in das wilde Gesicht eines Klingonen, der sein Mek’leth senkte. Sie stellte sich auf einen neuen Kampf ein und richtete sich blinzelnd auf. „Lieutenant Commander Worf, U.S.S. Defiant, wir haben Ihren Notruf erhalten, Sir.“ Sagte der Klingone und straffte den Rücken. Erst jetzt fiel ihr Blick erleichtert auf die Starfleet-Uniform des Mannes. Verlegen zog Janeway die Reste ihrer Kleidung an ihren vorgesehenen Platz. „Danke für Ihre Hilfe, Commander, stehen Sie bequem.“  Drei weitere Starfleetoffiziere waren bereits dabei, die überwältigten Piraten beiseite zu zerren und an Bord der Defiant zu beamen.

„Admiral, ich muss sie bitten, mich zur Defiant zu begleiten. Ich kann Sie erst nach einer ärztlichen Untersuchung ihren Flug fortsetzen lassen.“  „Ich weiß Ihre Besorgnis zu schätzen, Commander, aber es sind wirklich nur ein paar Kratzer, die ich dann auf Dorvan verarzten lassen kann. In diesem Kostüm möchte ich jetzt wirklich nicht hinüber beamen“, sagte Janeway fest, verzog das Gesicht zu einem schmerzvoll-schiefen Grinsen und machte eine Geste in Richtung ihrer zerrissenen Kleidung. „Ich verstehe“, gab der Klingone zu, „Gestatten Sie bitte, dass ich Ihnen Dr. Bashir hierher herüber beamen lasse, um ernsthafte Verletzungen auszuschließen.“ „Erlaubnis erteilt“, seufzte Janeway und kurze Zeit später stand der Doktor mit seinem Notfallkoffer im Alpha-Flyer. „Admiral“, sagte er resolut nach kurzem Scannen, wir müssen Sie mit zurück nach DS9 nehmen. Sie haben innere Blutungen durch Schläge in den Unterleib. Sie sind nur leicht und gut operabel, aber ohne Behandlung werden Sie sterben. Das gebrochene Schlüsselbein und die Gehirnerschütterung zähle ich da gar nicht erst mit! Die Defiant ist ein reines Kriegsschiff und hat nur eine Krankenstation für die Erstversorgung.“ „Aber die Hilfsgüter…“, Janeway wurde plötzlich schwindlig, sie griff nach Bashirs Arm. „Lieutenant Dax wird Ihr Schiff herunterbringen, Sir“, sagte Worf beruhigend. „Die Koordinaten… sind eingegeben. Sagen… Sie… Cha… kotay… es… ich…“ Der Doktor fing aus einem Reflex heraus ihren Körper auf, als Kathryn das Bewusstsein verlor. „Bashir an Defiant: Zwei direkt auf die Krankenstation beamen!“

 

Endlich, zwei Tage nach Kathryns Verschwinden entdeckte Chakotay einen hellen leuchtenden Punkt am Himmel. Ein kleines Schiff bahnte sich seinen Weg durch die Atmosphäre.

Bald schon war das Pfeifen der verdrängten Luft und der Bremsaggregate zu hören, als der Alpha-Flyer zur Landung ansetzte. Chakotay ließ sein Werkzeug fallen und hastete zum Landeplatz. Im Laufen überlegte er, ob er lieber seiner Wut über ihr sang- und klangloses Verschwinden oder seiner Freude über ihre Rückkehr Ausdruck verleihen sollte, wenn Sie sich gegenüberstanden.

Die Beine versagten ihm fast den Dienst, als er am Landeplatz anlangte und die von Phaserfeuer geschwärzte Oberfläche des Schiffes sah. Dann stürzte er vorwärts, als sich die Heckrampe des Shuttles öffnete. Mit einem Satz sprang er hinein, noch bevor sie den Boden berührte. Er erstarrte vor Schreck.

Inmitten eines heillosen Durcheinanders, zwischen blutbeschmierten Wänden und Konsolen stand eine zierliche junge Frau in Sternenflotten-Uniform, die mit einer Hand ruhig ihren Phaser auf den stürmischen Eindringling gerichtet hielt und mit der anderen die Landesequenz des Flyers beendete. Chakotay blickte hektisch im Schiff um „Kathryn?... Wo ist Admiral Janeway?“, fragte er voller Angst. „Admiral Janeway ist auf der Defiant, Sir. Ich bin Lieutenant Ezri Dax und bringe Ihnen die Hilfsgüter für Dorvan V im Auftrag des Admirals.“  Sie senkte ihre Waffe, als sie sich von Chakotays Friedfertigkeit überzeugt hatte. „Hilfsgüter?“ „Sie wissen nichts davon? Kann ich bitte dann jemanden sprechen, der berechtigt für den Empfang ist?“, fragte die Trill ungeduldig. „Niemand hier weiß davon. Das hat Admiral Janeway im Alleingang getan. Aber ich kann alles in Empfang nehmen. Entschuldigen Sie, ich habe mich noch nicht vorgestellt. Ich bin Commander Chakotay. Wir waren alle sehr besorgt um den Admiral. Warum bringt sie die Sachen nicht selbst… ist sie… nein…“ Ezri Dax nickte bedauernd. „Sie ist schwer verletzt, Sir. Wir müssen dringend zurück nach DS9, um sie auf die Krankenstation zu bringen, sonst wird sie sterben.“ „Sie können die Ladung so stehen lassen. Wir werden nachher alles ausladen und sichten. Darf ich sie kurz sehen, Lieutenant?“ „Einen Moment!“ „Dax an Defiant.“ „Worf hier. Sprechen Sie.“ „Ein gewisser Commander Chakotay möchte Admiral Janeway sehen.“ „Einen Moment.“ Die Verbindung wurde unterbrochen. „Worf an Dax.“ „Dax hier.“ „Wir beamen Sie herauf. Geben Sie dem Commander ihren Kommunikator. Wir haben Ihr Muster schon erfasst, Ezri.“

 

Chakotay materialisierte in einem hochmodernen, aber kleinen Kriegsschiff. „Lieutenant Commander Worf. Willkommen auf der Defiant, Commander.“, begrüßte ihn ein riesiger Klingone in Starfleet-Uniform. „Ist Admiral Janeway Ihre Frau, Sir?“, erkundigte sich Worf. „Nein“, entgegnete Chakotay und fügte in Gedanken hinzu, ‚vermutlich wäre sie es, wenn ich nicht so ein Idiot gewesen wäre.’ „Wir haben zusammen auf der Voyager gedient. Ich war ihr XO.“ „Verstehe. Bitte folgen Sie mir.“ Sie gingen durch einige Gänge, wobei der Klingone sich bei jedem Schott etwas ducken musste. „Die Krankenstation, Sir.“ Er wies auf die nächste Tür und betätigte den Türöffner. Scheu trat Chakotay ein. Der Arzt kam ihm sofort entgegen. „Commander, ich bin Doktor Julian Bashir. Admiral Janeways Zustand ist ernst, aber noch stabil. Sie hat innere Blutungen durch Verletzungen im Bauchraum und es hat sich ein kleines Hämatom im Schädel gebildet, die ich leider auf dieser“, er machte eine ausladende Geste, „spartanischen Krankenstation nicht operieren kann. Deshalb müssen wir so schnell es geht nach DS9.“ „Ist der Admiral bei Bewusstsein?“ „Ich glaube zur Zeit ja, aber bitte nur eine Minute, Sir. Wir haben keine Zeit zu verlieren, sonst kann ich nicht für ihre Rettung garantieren.“ „Danke, Doktor.“ Leise trat Chakotay an Kathryn heran. Er erschrak, als er die blutverkrusteten Haare und die Wunden sah, die auf einen erbitterten Kampf um Leben und Tod schließen ließen. „Wer hat ihr das angetan“, wandte sich Chakotay leise an den Doktor und ballte die Fäuste. „Piraten, Sir. …und sie wollten nicht nur die Fracht…“ „Sie meinen…?“ Bashir nickte ernst und machte ein bedauerndes Gesicht, „aber ich glaube, wir kamen gerade noch rechtzeitig.  Das kann ich mit Bestimmtheit aber erst auf der Station feststellen.“ Er zog sich diskret in den Nebenraum zurück und ließ den Commander mit seiner Patientin allein. Chakotay berührte zärtlich Kathryns Wange. „Kathryn?“ Janeways Augenlider zuckten und sie blinzelte. „Chakotay?“ stöhnte sie leise, „ich kann dich nicht sehen.“ „Ich bin hier, Kathryn“, flüsterte er, „Ich werde auf Dorvan auf dich warten, bis du gesund bist, hörst du? Ich werde warten! Bitte komm zurück. Ich… Ich habe dich so vermisst!“ „Seven…“, presste sie mühsam hervor und versuchte, den Kopf zu heben. Chakotay drückte sie sanft nieder und strich über ihr Haar. „Nein, Kathryn, nur du bist es, die mir wichtig ist…“ „…hast du… schon mal gesagt… Seven… glaube… dir nicht…“ Chakotay konnte ihre Antwort kaum verstehen, die sie offensichtlich unter Schmerzen hervorbrachte. Er wusste aber sehr wohl, was sie meinte. „Ich warte trotzdem auf dich.“, sagte er leise, streichelte noch einmal ihre Wange. „Ich muss jetzt gehen.“ Kathryn schien wieder eingeschlafen zu sein. Leise ging er hinaus und nickte Doktor Bashir im Nebenzimmer dankbar zu. „Tun Sie Ihr Bestes, Doktor!“ „Das werde ich“, versprach der Arzt.

 

Chakotay beamte wieder auf die Oberfläche hinunter und eine bange Zeit des Wartens begann. Er nahm sich Kathryns PADDs vor und sichtete die Hilfsgüter. Vielleicht konnten sie schon mit den Projekten vorankommen, bis Kathryn zurückkam. Wenn sie jemals zurückkam. Kalte Angst legte sich um sein Herz. Tevlik’s Moon kam ihm wieder ins Gedächtnis… der Preis für den Frieden… die Zerbrechlichkeit des Lebens und des Glücks… Seufzend konzentrierte er sich auf die Aufzeichnungen. Dann aktivierte er das nächste PADD. Er musste zweimal gucken, um seinen Augen zu trauen:

„Chakotay, Ich konnte niemanden von Ihnen finden und meine Zeit ist so kostbar. Ich bin auf dem Weg nach DS9, um Material für die Photovoltaikanlage und die Kommunikationseinheit und medizinische Ausrüstung zu holen. Ich habe geplant, in 48 Stunden zurück zu sein. Sollte mir etwas zustoßen, Sekaya weiß alles, was Sie wissen müssen.

Für immer in  Freundschaft, Kathryn.“

 

Chakotay lies das PADD auf seinen Schoß sinken und starrte ins Leere. Also hatte sie doch eine Nachricht geschrieben und sie in ihrem Eifer mit eingepackt. „Ach, Kathryn… und ich habe gedacht, du bist wegen mir abgereist.“ Er nahm das PADD und suchte seine Schwester. Draußen wurde es langsam dunkel. Sekaya saß vor dem Haus und stickte an einer Bluse im letzten Tageslicht. Chakotay setzte sich neben sie.

Sie saßen schweigend nebeneinander, bis in die Dunkelheit alles einhüllte und beobachteten, wie der Mond aufging.

„Sie war gerade auf dem Weg zu dir in den Bereitschaftsraum“, sagte Sekaya plötzlich in die Stille hinein ohne ihn anzusehen, „um es dir zu sagen, als ihr auf dem Weg zur Erde gewesen wart, und sie endlich frei war in ihren Entscheidungen. Es war ihr glücklichster Tag der ganzen Reise, auf den sie so lange gewartet hatte. Aber dann kamst du mit Seven Hand in Hand aus dem Lift… Sie hat mir alles erzählt. Auch was du mir verschwiegen hast. Sie hat dich geliebt, Chakotay. Die ganzen sieben Jahre. Sie würde dir und Seven nicht im Weg stehen, aus Liebe zu dir, um dich glücklich zu sehen. Sie wollte, dass du es erfährst, falls ihr etwas zustößt.“

Chakotay saß da wie versteinert. Sekaya wandte ihm ihr Gesicht zu. In seinen Augen glitzerten Tränen. „Ich liebe sie auch, Sekaya, aber ich glaube, ich habe es viel zu spät bemerkt, wie sehr ich sie liebe.“

„Und Seven? Wenn Seven zu Dir zurückkäme?“, hakte Sekaya nach. „Ich mag Seven wirklich sehr. Sie ist attraktiv und mir hat es geschmeichelt, dass sie mich wollte… Aber ich glaube jetzt, ich war für sie eher ein Abenteuer auf dem Weg zu sich selbst. Das habe ich leider erst daran gemerkt, dass sie sich so einfach nach Lust und Laune von mir trennen konnte… Seven konnte das natürlich gar nicht ermessen, was Kathryn und mich verbindet… Ich war mir auch nicht sicher, ob Kathryn mich noch wollte, ob sie überhaupt jemals konnte… sie hat nie wieder etwas zu mir gesagt und wir wussten nicht, ob wir je wieder nach Hause kommen würden… Aber das sind schwache Ausreden, ich weiß! Ich hätte mit Kathryn zuerst reden müssen… Ich habe nicht darüber nachgedacht, was ich getan habe, was ich ihr damit antun würde! Wenn ich gewusst hätte, wie sehr ich sie verletzen würde… nie wäre ich auf die Idee gekommen… Kathryn steht mir so viel näher als irgendjemand sonst. Seven wird niemals Kathryns Stelle einnehmen können. Niemand kann das. Deshalb hatte ich auch gerade sie gebeten, mit mir zu Tevlik’s Moon zu kommen. Nur mit ihr allein wollte ich dorthin. Und ich wollte nur sie mit hierher bringen. Das sind beides zwei sehr persönliche Sachen für mich.“ „Und? Hast du ihr das wenigstens gesagt?“ Chakotay senkte den Kopf und das war für Sekaya Antwort genug.

 

Auch diese Nacht ging Chakotay in Kathryns Zimmer hinüber, als er wieder keinen Schlaf finden konnte. Er lehnte lange am Fenster und starrte blicklos in ihr leeres Zimmer. Da sah er, dass ganz hinten unter ihrem Bett etwas Helles lag. Er angelte es hervor. Es war ein abgegriffenes Foto, vielleicht ihr Lesezeichen. Chakotay ging an das Fenster, um es im Mondschein zu betrachten. Tom hatte es mit einer altertümlichen Kamera auf einer von Neelix’ Beach-Parties aufgenommen: Kathryn und er mit Blumenketten, sie hielten sich an der Hand und lachten sich an.

 

 

Chakotay drückte das Bild an seine Brust. Wie lange war das her? Wie viel musste Kathryn das Bild bedeuten?

Er legte sich auf ihr Bett und versuchte zu schlafen.

 

Nach einer Woche hatte Chakotay endlich die Reparaturen am Alpha-Flyer abgeschlossen. Wenn die Kommunikation wieder funktionierte, konnte er endlich Deep Space Nine kontakten, um sich nach Kathryns Zustand zu erkundigen. Er machte sich große Sorgen um sie. Er machte sich Vorwürfe, sie überhaupt mit hierher gebracht zu haben. Deshalb hatte er jeden Tag nach Einstellung der Arbeiten an der neuen Kommunikationszentrale, dessen Leitung er für Janeway jetzt übernommen hatte, noch bis in die Nacht im Flyer gearbeitet. Wenigstens eine Audioverbindung musste er herstellen!

„Dorvan V an Deep Space Nine. Hören sie mich?” Aber es erklang nur statisches Rauschen. „Verdammt!“ Chakotay hieb mit der flachen Hand auf die Relaiseinheit. Wahrscheinlich war auch die Leitung der Antenne beschädigt. Wieder schraubte er mehrere Wandverkleidungen ab, prüfte und ersetzte Drähte. Er versuchte es erneut „Dorvan V an Deep Space Nine. Bitte antworten Sie.“ „Hier Deep Space Nine.“ Es rauschte noch immer stark und Chakotay justierte die Abstimmung des Bandbereiches. „Hier Deep Space Nine. Wir können Sie nicht verstehen, bitte wiederholen Sie!“ Endlich kam die Transmission ganz klar an. „Hier Dorvan V, Commander Chakotay. Darf ich mit Doktor Bashir sprechen?“ „Moment bitte!“ „Hier ist Doktor Bashir. Wie kann ich ihnen helfen?“ „Hier ist Commander Chakotay von Dorvan V. Doktor, wie geht es Admiral Janeway?“ „Es tut mir leid, Commander im Moment sieht es noch nicht gut aus. Die Operation war erfolgreich und sie ist außer Lebensgefahr. Das Augenlicht ist wieder hergestellt. Aber wir wissen nicht…“ Der Doktor brach seine Auskunft ab. „ Doktor?“ „Nun, äh, wir wissen noch nicht das Ausmaß von Schäden, die zurückbleiben könnte.“ „Welche könnten das sein? Wie schlimm wird es sein?“ „Tut mir leid, Sir, das unterliegt der ärztlichen Schweigepflicht.“ „Darf ich Admiral Janeway besuchen?“ „Tut mir leid, Commander, in ihrem Zustand ist das nur den nächsten Familienangehörigen gestattet, es sei, der Patient äußert ausdrücklich einen Wunsch. Der Admiral hat sich bisher nicht dazu geäußert.“  Chakotay rasten die Gedanken durch den Kopf. Er musste sie unbedingt sehen! Er hielt es einfach hier nicht mehr ohne sie aus! Irgendetwas musste ihm jetzt einfallen! „Doktor, äh, ich gehöre sozusagen zu ihrer Familie…“ „Wie ist Ihr verwandtschaftliches Verhältnis, Commander?“ Chakotay schlug das Herz bis zum Hals. Er befürchtete, der Doktor könnte es auch hören. „Admiral Janeway und ich… ich meine… wir… sind verlobt… heimlich verlobt.“ Chakotay ließ sich im Sitz zurückfallen und schloss die Augen. Er dankte allen Göttern, dass die Übertragung nur Audio war. „Tja, Commander, wenn das so ist… Ich glaube, da kann ich Ihnen einen Besuch gestatten. „Danke, Doktor. Ich werde übermorgen aufbrechen.“  „Verstanden, Bashir Ende.“ Chakotay stützte sein schweißbedecktes Gesicht in beide Hände und atmete hörbar aus.

 

„Admiral?“ Janeway hob ihre schweren Augenlider und blinzelte. In ihr Gesichtsfeld schob sich das fürsorgliche Gesicht von Doktor Bashir, der so ganz und gar das Gegenteil vom Holodoc auf der Voyager war. Er befestige vorsichtig ein paar Sensoren an ihrem Körper und las die Messergebnisse ab. Dann verabreichte er ihr ein Hypospray. Das Bild vor ihren Augen wurde klarer und der Geist wacher. „Wie fühlen Sie sich?“ Der Doktor zog sich einen Hocker neben das Bett. „Ich bin schon fast wieder gesund“, meinte Janeway und lächelte schief. „Aber auch nur fast, Admiral“, gab der Doktor nachsichtig lächelnd zurück. „Haben Sie noch Schmerzen?“ Sie schüttelte kaum merklich den Kopf. „Heute geht es besser, Doktor. Wie lange muss ich noch hier bleiben? Auf mich wartet so viel Arbeit…“ „Ich befürchte, ein Weilchen müssen Sie noch hier bleiben, Admiral“, Julian Bashir kramte in seinen Unterlagen.

Dann wandte er sich etwas verlegen seiner Patientin zu: „Admiral, es tut mir leid, da wäre noch ein Problem, ich weiß nicht, wie ich sagen soll… Wenn ihre inneren Verletzungen verheilt und vernarbt sind, werden sie wahrscheinlich keine Kinder mehr bekommen können. Wenn sie jemals eine Familie gründen wollen, wäre jetzt der letzte Zeitpunkt dafür.“ „Was???“ „Ich meine… in ihrem jetzigen Zustand käme natürlich nur eine In vitro-Fertilisation in Frage. Diese Methode wird, wie Sie sicherlich wissen auch bei Kinderwunsch nach Tod oder schwerer Verletzung des Partners  angewendet. Deshalb und für andere medizinische Zwecke hat die Sternenflotte von allen Angehörigen schon während des Akademiestudiums verschiedene Zellproben asserviert, wie Sie sicher erinnern, auf die man dann, wie in Ihrem Fall,  zurückgreifen kann. Viele Leute haben auch privat Ähnliches machen lassen. - Haben Sie denn überhaupt einen Kinderwunsch, Admiral?“ „Bitte? Ja, hmm… eigentlich wollte ich ursprünglich gern einmal Kinder haben. Aber wissen Sie, bisher… im Deltaquadranten… war ohnehin keine Gelegenheit dazu… und jetzt eigentlich auch nicht… “ „Aber Sie haben doch jemanden, den Sie lieben, von dem Sie sich vielleicht ein Kind wünschen!?“ Kathryns Gesicht überflog eine unübersehbare Röte. „Doktor, wie kommen Sie darauf…?“ Janeway war entsetzt. Bisher hatte sie sich nur ihrem persönlichen Tagebuch anvertraut. „Ärztliche Schweigepflicht!“, sagte Bashir und tätschelte Janeways Arm.

Er wollte ihr noch nichts vom angekündigten Besuch sagen, da er die Patientin nicht vor der Zeit aufregen wollte.

„Denken Sie einfach einmal darüber nach, Admiral! Ich wollte es Ihnen nicht verschweigen, und vielleicht können wir noch das Beste daraus machen.“ „Danke, Doktor“, sagte Janeway tonlos, ließ sich zurücksinken und schloss die Augen.

Die Bilder und Gedanken wirbelten in ihrem Kopf: New Earth – Chakotay – ihr unglückliches Alter Ego – Chakotay mit Seven Hand in Hand – Mark mit Carla und Kevin – Justin – Samantha Wildman mit der neugeborenen Naomi im Arm – B’Elanna und Tom mit Miral - … Immer hatte sie sich eine eigene Familie gewünscht. Aber der Dienst bei Starfleet hatte ihr alle Männer genommen, die ihr je mehr bedeutet hatten. Justin war im Dienst verunglückt, Mark hatte sie verlassen, weil sie im Delta-Quadranten verschollen waren, Chakotay hatte sie verloren, weil sie als Captain ihm ihre Liebe nicht gestehen durfte. Und immer war sie so kurz vor dem glücklichsten Moment gewesen: mit Justin und Mark war sie kurz davor zu heiraten und mit Chakotay wäre sie ein Paar geworden, wären sie auf New Earth geblieben, fern aller Starfleetregeln... oder wenn sie nur einige Zeit früher nach Hause gekommen wären. Auch die alte Admiral Janeway hatte alles verloren in ihrer Zeitlinie. Waren etwa alle Kathryn Janeways zu persönlichem Unglück und Einsamkeit verdammt? Sollte sie auf immer allein bleiben? Wofür alle diese Opfer? Wenn sie ein Kind hätte… es würde Glück und Lebendigkeit bedeuten. Etwas, wofür es sich zu leben lohnt. Es würde ihrem Leben einen Sinn geben. Plötzlich sehnte sie sich schmerzlich danach, ebenso wie Sam Wildman oder B’Elanna ein eigenes Baby in ihre Arme schließen zu können. Auch ohne einen Lebensgefährten. Sie war in ihrer Position gut versorgt und ihr Arbeitsplatz im Hauptquartier stand weder Schwangerschaft noch Kind im Wege. Sie musste jetzt eine Entscheidung treffen. Vielleicht war es gut so, sich endlich klar werden zu müssen, was sie eigentlich vom Leben erwartete, anstatt es immer vor sich her zu schieben. Noch vor wenigen Wochen hatte sie fest an eine gemeinsame Zukunft, eine Familie mit Chakotay geglaubt. Er sollte der Vater ihrer Kinder sein… Kathryn spürte, wie Tränen der Enttäuschung und des Kummers in ihr aufstiegen. Tropfen für Tropfen bahnten sie sich ihren Weg auf ihr Kissen. Dann reifte in ihr ein Entschluss…

 

Nach einer Weile kam Doktor Bashir wieder in das Krankenzimmer. Er sah, das Janeway geweint hatte, und er kam an ihr Bett und legte tröstend seine Hand auf ihren Arm: „Es tut mir so leid, Admiral, dass ich keine bessere Prognose für sie habe. Ich verstehe, was sie durchmachen. Aber Sie müssen bitte auch berücksichtigen, dass Sie mit 43 Jahren keine Zeit mehr haben, auf zukünftige medizinische Erkenntnisse zu hoffen. Haben Sie denn schon über meinen Vorschlag nachdenken können?“  „Wie stehen die Chancen für eine jetzige Schwangerschaft, Doktor?“ „Zu 80 Prozent wird alles gut gehen trotz der Verletzungen. Je länger wir warten, desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit allerdings.“ „Dann möchte ich es riskieren, Doktor. Auch wenn ich nicht verheiratet bin… Aber ich möchte, das auf keinen Fall irgendjemand – ohne Ausnahme - etwas davon erfährt, außer aus meinem Mund, wenn ich es für richtig halte.“ „Selbstverständlich, Admiral. Ich werde keinerlei Logbuchaufzeichnungen dazu anfertigen. Sie bekommen auf einem PADD alle Daten zu ihrer ausschließlichen Verwendung für alle Fälle.“ „Ist denn keine Zustimmung des… Vaters… notwendig?“ Bashir kratzte sich am Kopf. Er dachte daran, wie besorgt Commander Chakotay auf der Defiant und gerade gestern über Komm gewesen war. In seinen Augen bestand da kein Zweifel. Und außerdem waren sie ja verlobt. Heimlich, wie der Commander im Vertrauen betont hatte. Also würde er sich hüten, dem Admiral gegenüber etwas verlauten zu lassen. Er musste jetzt geschickt lavieren… „Ich vermute, Sie denken an Commander Chakotay…?“  Janeway  guckte den Doktor an wie versteinert. Sie wurde erst rot und dann kreidebleich im Wechsel, so dass Bashir besorgt auf das Überwachungsdisplay schaute. „Ich habe mir das nur gedacht, nun… äh… der Commander war mehr als gewöhnlich besorgt um Sie.“ „Er ist der einzige, der in Frage käme.“, sagte Janeway sehr leise, beinahe wie zu sich selbst. Er musste es ja nicht erfahren. In drei Monaten war sie längst zurück in San Francisco. Niemanden würde es dort interessieren. Plötzlich freute sie sich, dass sie in einigen Monaten nicht mehr allein sein würde.

„Dann wollen wir die Sache angehen, Admiral? Wenn alles gut geht, können Sie in zehn Tagen die Krankenstation verlassen.“ „Tun Sie es, Doktor.“

Julian Bashir ging in sein Büro, um die Probe von Starfleet Medical mit dem nächsten Transport von der Erde anzufordern. Er füllte das vorgeschriebene Formular aus und gab unter Familienstand „verlobt“ ein. Die Eingabe schloss er mit dem Befehl „Vertraulich, Vernichtung nach Kenntnisnahme“ ab. Für Personen in Janeways Position war eine Geheimhaltung nicht ungewöhnlich. Es könnte sogar unter Umständen zum Politikum werden.  Dann erstellte er einen speziellen Behandlungsplan für Janeway.

 

Die Tür zur Krankenstation öffnete sich mit einem leisen Zischen, als der Besucher eintrat. Der Raum war leer. Zur rechten Hand stand eine weitere Tür offen. Er ging leise zu dem einzigen Bett im Nebenraum. Die Patientin schlief. Sie hatte ein aufgeschlagenes Buch umgekehrt auf ihrer Brust liegen. Über ihre Stirn zog sich, halb verdeckt von rotblonden Haaren, eine lange, in Heilung befindliche Narbe. Er blieb eine Weile regungslos neben ihrem Bett stehen und berührte unendlich sanft tastend ihre Haare ohne sie aufzuwecken. Darauf zögerte er einen Moment und zog dann aus der Brusttasche seines Hemdes ein abgegriffenes Foto und schob es sachte zur Hälfte zwischen die Seiten des Buches. Aus seiner Gürteltasche fingerte er ein kleines, mit Federn und Perlen geschmücktes rundes Gebilde und hängte es an die Leselampe über ihrem Bett. Dann sah er noch einmal lange in ihr Gesicht und ging sehr leise zur Tür hinaus und wagte erst wieder durchzuatmen, als er das Promenadendeck der Raumstation erreichte.

 

Chakotay trat ins „Quarks“, eine laute Bar auf dem Promenadendeck von Deep Space Nine. Hier drängten sich Bajoraner, Menschen und viele Angehörige anderer Rassen am Tresen oder den Spieltischen. Niemand beachtete den großen, dunkelhaarigen Mann in Jeans, Hemd und Lederweste. Auf der oberen Etage fand er einen ruhigen Tisch, der ihn zugleich das Geschehen in der Bar und angrenzenden Bereichen des Promenadendecks beobachten ließ. Er bestellte sich Tee und stützte nachdenklich den Kopf auf seine gefalteten Hände.

Er musste sich eingestehen, dass er eigentlich gar nicht wusste, was er zu Kathryn sagen sollte. Schon den ganzen Flug hierher hatte er sich Worte zurechtgelegt und wieder verworfen. Er war froh, Kathryn schlafend vorgefunden zu haben. ‚Alles, was ich ihr am liebsten sagen würde, ist in ihrer Situation überhaupt nicht angemessen. Es klingt geradezu lächerlich, nachdem, was ich ihr angetan habe. Vielleicht würde es unsere wenigstens noch bestehende Freundschaft ganz zerstören. Und wenn ich schon ohne ihre Liebe leben müsste, ohne ihre Freundschaft könnte ich es einfach nicht.’ Chakotay starrte in sein Teeglas, in den konzentrische Ringe von Vibrationen der Station tanzten. ‚Dazu kommt auch noch, dass ich den Doktor angeschwindelt habe. Spirits, wenn der Doktor etwas ausplaudert und Kathryn das erfährt… gar nicht auszudenken. Was habe ich mir nur dabei gedacht?’ Nein, er fühlte sich eigentlich nicht im Stande, Kathryn gegenüber zu treten nach allem, was er von Sekaya erfahren hatte.

Nun war er hier und es war es ihm glücklicherweise gelungen, schnell unbemerkt in die Krankenstation hinein und wieder hinaus zu gelangen, nachdem Bashir sie mit einer Kollegin offenbar zum Essen verlassen hatte. Er ließ seinen Blick weiter schweifen. Da fiel ihm ein Modegeschäft auf. Er wusste noch von früher, dass Kathryn Kleider sehr liebte und dass sie wegen seiner „Entführung“ nach Dorvan darunter litt, auf die nur spärlichen Replikatorkapazitäten oder Geschenke und Leihgaben von Sekaya angewiesen zu sein. Dann musste er an ihre zerrissene Kleidung nach dem Überfall auf den Flyer denken.

Er trank seinen Tee aus und ging hinunter in das Geschäft.

Ein junger Cardassianer begrüßte ihn. Chakotay sträubten sich die Nackenhaare. Er musste einige Male tief durchatmen und sich mit Macht daran erinnern, dass schon seit über drei Jahren Frieden zwischen der Föderation, Bajor und Cardassia herrschte und DS9 außerdem ein interstellarer Handelsplatz war.

Der junge Cardassianer, dem die Irritation seines Kunden nicht entgangen war, erzählte, dass er von seinem Onkel Elim Garak dieses Geschäft übernommen hätte, nachdem dieser auf Seiten der Föderation gegen das mit dem Dominion verbündete Cardassia gekämpft und inzwischen im neuen Cardassia in hohe Positionen aufgestiegen war. Chakotay entspannte sich etwas und sprach mit dem jungen Mann über seine Vorstellungen. Dann bezahlte er nach einigem Handeln zwölf Streifen goldgepresstes Latinum.

Als er aus dem Geschäft trat und zur Andockrampe seines Flyers gehen wollte, um schweren Herzens wieder nach Hause zu fliegen, stieß er beinahe mit Julian Bashir zusammen. Der Doktor kam gerade Arm in Arm mit der jungen Trill, die damals den Alpha-Flyer auf Dorvan gelandet hatte, das Promenadendeck entlang. Offensichtlich hatte er schon Dienstschluss. „Ah, Commander Chakotay, es freut mich, dass Sie gekommen sind. Möchten Sie gleich den Admiral besuchen oder soll Ezri, und er machte eine Geste zu Lieutenant Dax,  Ihnen ein Quartier besorgen?“ Chakotay hob abwehrend die Hand. „Admiral Janeway wird sich bestimmt über Ihr Kommen sehr freuen, Sir, denn sie bekommt sonst nie Besuch – außer von uns beiden.“, fügte Ezri hinzu und lächelte Chakotay zu. „Ich danke Ihnen beiden. - Doktor, ich würde Sie vorher gern unter vier Augen sprechen.“ „Aber selbstverständlich. Wir gehen in mein Büro. – Entschuldige uns bitte, Ezri, bis später dann!“ „Ich denke, wir sehen uns noch, Commander!“, sagte die Trill herzlich.

 

Chakotay und Bashir betraten das Büro des Doktors. „Bitte nehmen Sie Platz, Commander“, forderte der Doktor Chakotay auf und nahm ihm gegenüber Platz. „Doktor, ich möchte Sie nur um eines bitten, erwähnen Sie auf keinen Fall die Sache mit der… heimlichen Verlobung dem Admiral gegenüber. Ich möchte nicht, dass Sie erfährt, dass ich etwas ausgeplaudert habe.“ „Verstehe.“, entgegnete Bashir und ihm wurde sein Drahtseilakt bezüglich der Behandlung des Admirals bewusst. „Wie geht es ihr?“ „Ich bin zufrieden mit dem Heilungsverlauf, Commander. Aber es wird mit großer Sicherheit… eine dauerhafte Beeinträchtigung geben, die zumindest für die nächsten Jahre relevant sein könnte. Leider darf ich ihnen nicht mehr sagen aus Gründen der Schweigepflicht. Bitte verstehen Sie mich.“ Chakotay nickte nachdenklich und fragte sich, welcher Art die Probleme sein könnten, die der Doktor erwähnt hatte. „Ich muss Sie auch bitten“, fuhr Julian Bashir unterdessen fort, „dass Sie Admiral Janeway für die nächsten Monate von schwerer körperlicher Arbeit und Situationen fernhalten, die starken physischen oder psychischen Stress verursachen könnten. Ich glaube, sie so einschätzen zu können, dass sie zu wenig Acht auf ihre Gesundheit gibt und im Moment ist die Situation so, dass sie sich das nicht erlauben kann, wenn meine Bemühungen Erfolg haben sollen.“ „Ich werde mein Möglichstes tun, Doktor.“, versicherte Chakotay. „Wann kann sie Deep Space Nine verlassen?“ „Ich denke, in ca. zwei Wochen. Dann gehen Sie jetzt ruhig zum Admiral. Schließlich sind Sie ja wegen ihr gekommen. Wenn Sie mich brauchen, rufen Sie mich über die Komm.“ „Danke, Doktor.“ Die Männer gaben sich die Hand und Bashir verließ die Krankenstation.

 

Als Janeway aufwachte, bemerkte sie, dass sie wieder beim Lesen eingeschlafen war. Die Konzentration fiel ihr auf Dauer immer noch schwer. Seufzend nahm sie das Buch auf, das auf ihrer Brust lag. Aus dem Buch schaute die Ecke eines abgegriffenen Fotos. Janeway brauchte eigentlich nicht nachzusehen, sie wusste genau, was auf dem Bild war. Trotzdem zog sie es hervor, als sie das Buch auf den Nachttisch legte, und betrachtete es lange. Dann strich sie sanft darüber. Sie wunderte sich, wo das Bild plötzlich herkam. Zumindest konnte sie sich nicht daran erinnern, dass es vorher im Buch gesteckt hatte. Im Gegenteil, sie hatte ihr Lesezeichen schon vermisst. Sie behielt das Bild nachdenklich in der Hand und ihre Augen fielen plötzlich auf den kleinen federgeschmückten indianischen Traumfänger, der unter ihrer Leselampe hing. Ihr Herz machte einen Satz und ein heißes Ziehen durchfuhr ihren Körper. Er gab nur einen einzigen Menschen im ganzen Universum, der ihr so etwas schenken würde! Wenn er hier war… Ihr wurde ganz heiß bei dem Gedanken. Sie presste das Bild an ihre Brust. Träumend verfolgte sie die Drehungen des Traumfängers, als sich vertraut klingende Schritte näherten.

„Chakotay?“, fragte sie zaghaft in die Stille hinein. Die Schritte beschleunigten sich, und dann stand er plötzlich neben ihrem Bett. Ihre Augen trafen sich, und sie lächelten einander verlegen an. Chakotay sah, dass sie das Bild an sich gedrückt hielt und er legte sanft seine Hand auf ihre Hände. Sein Daumen streichelte ihre Finger. „Kathryn…“ Er wusste einfach nicht, was er sagen sollte. Sie zog eine Hand hervor und legte sie zärtlich auf seine. „Danke“, flüsterte Janeway. „Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht.“ Chakotays Finger glitten langsam durch eine rotblonde Haarsträhne. „Ich habe… dich… so vermisst, Kathryn.“ „Und ich hatte Angst, ich würde dich nie wieder sehen können. Einige Tage war alles schwarz um mich…alles so schrecklich schwarz.“ Kathryns blaue Augen füllten sich mit Tränen. Chakotay beugte sich zu ihr herab und seine Lippen berührten unendlich sanft ihre Stirn. Kathryn schloss die Augen und atmete hörbar ein. Dann hielten ihre Blicke wieder aneinander fest. Die Spannung zwischen ihnen war beinahe mit den Händen zu greifen, als beide ihren Körpern, die nach mehr verlangten, Einhalt geboten. Beide suchten verzweifelt nach Worten. Belanglosen Worten, während ihre Herzen ihre eigenen Worte herausschreien wollten.

„Wie geht es dir?“, brachte Chakotay endlich mit rauer Stimme hervor. „Bis auf die paar Schrammen, die Doktor Bashir täglich behandelt…“, Janeway deutete auf ihre Narbe an der Stirn und öffnete den Halsausschnitt etwas und zeigte Chakotay eine scheußliche Wunde über dem Schlüsselbein, „na ja, zugegebenermaßen auch noch am Bauch…“, fügte sie mit ihrem charakteristischen schiefen Grinsen hinzu, „und wegen dieser Bauchverletzungen muss ich auch noch hier herumliegen. Dabei würde ich dir so gern das Wurmloch zeigen, wenn es sich öffnet… es ist grandios! Die Bajoraner nennen es Tempel der Propheten und sehen die darin lebenden Wesen als ihre Götter an. Captain Sisko soll jetzt einer von ihnen sein. Es ist unglaublich… Es geht direkt in den Gamma-Quadranten. Genau so etwas, was wir sieben Jahre gesucht haben… Und wenn es sich öffnet, kann man sich etwas wünschen, sagen die gläubigen Bajoraner.“ „Und? Hast du das getan?“ Janeway nickte leicht und lächelte Chakotay geheimnisvoll an.

Einer plötzlichen Eingebung folgend, griff sie nach einem Kommunikator auf ihrem Nachttisch. „Janeway an OPS.“ „OPS, hier Lieutenant Nog, was kann ich für Sie tun, Admiral?“ „Wann erwarten Sie wieder einen Wurmlochdurchflug, Mister Nog?“ „Morgen Vormittag erwarten wir die U.S.S. Yangtzee Kiang von New Bajor zurück, Sir. Soll ich Sie benachrichtigen?“ „Bitte, tun sie es, Lieutenant… ach, und bitte besorgen Sie ein Quartier für Commander Chakotay!“ „Aye, Sir.“ „Danke, Mister Nog. Janeway Ende.“

„Du bleibst doch…? Ich würde mich jedenfalls freuen.“, wandte sich Kathryn Chakotay zu. „Mir scheint, du hast hier schon die ganze Station im Griff, einschließlich der Gäste!“, erwiderte er grinsend. „Was bleibt mir da noch übrig zu sagen, als ‚Aye, Admiral’?“

 

Als Bashir am Abend bei Janeway vorbei schaute, hielt sie nicht mit ihren Erwartungen an ihn hinter dem Berg. „Doktor, ich möchte endlich aufstehen. Nun habe ich einmal Besuch und muss hier herumliegen. Morgen öffnet sich auch das Wurmloch, und das möchte ich Commander Chakotay zeigen.“ Der Doktor seufzte. „Na gut. Ich erlaube ihnen heute eine halbe Stunde und morgen eine Stunde, wenn heute alles gut geht. Aber nur in Begleitung und nehmen Sie Ihren Kommunikator mit!“ „Aye, Doktor“, sagte Janeway gut gelaunt ob ihres Erfolges.

Als Julian Bashir gegangen war, sagte Janeway zu Chakotay: „Verdammt, ich habe nur meine zerrissenen Sachen! Hast du etwas Brauchbares im Flyer dabei? Vielleicht noch etwas von meinen Sachen?“ „So wie du den Flyer bei mir hast abliefern lassen, musste ich alles ausladen und generalüberholen!“, erwiderte er. „Es tut mir leid, davon habe ich gar nichts mitbekommen.“ „Ist schon gut, das war ein ziemlicher Schreck für mich, innen alles voller Blut und Lieutenant Dax, die mit dem Phaser auf mich zielte… Aber zum Glück lebst du ja und wirst bald wieder gesund sein. Aber tu mir das nicht wieder an und flieg allein!“ Er streichelte kurz ihre Wange. Janeway versetzte es einen leichten Stich ins Herz, aber sie ließ sich nichts anmerken. „Jetzt gucke ich erstmal nach etwas zum Anziehen und kümmere mich um mein Quartier!“ Damit verschwand er und ließ sie mit ihren Gedanken allein.

 

Nach einer Weile kam ein junger Cardassianer und überbrachte Janeway eine große Schachtel im Namen von Commander Chakotay. Sie wartete, bis der Mann die Krankenstation verlassen hatte und öffnete neugierig mit klopfendem Herzen den Karton. Zuoberst lag eine rosa Rose und darunter? Janeway hielt den Atem an und zog langsam ein blaues Kleid mit schmalen Trägern, das unter der Brust gebunden wurde, und danach eine dunkelblaue Wickelbluse aus bajoranischer Spitze hervor. Sie legte die Sachen auf ihr Bett und strich bewundernd darüber. So etwas Edles hatte sie noch nie besessen. Meist hatte sie ohnehin ihre Uniform getragen und in der wenigen Freizeit eher etwas Sportlich-Elegantes oder etwas Schlichtes, Praktisches.

Sie zog das Kleid über und ging zu einem dunklen Display, in dem sie sich halbwegs spiegeln konnte. Es saß wie angegossen. Kathryn wunderte sich, dass Chakotay so genau ihre Maße wusste. Scheinbar beobachtete er sie sehr viel mehr und gründlicher, als sie dachte. Sie musste an das Bad im See neulich denken. Eine heiße Welle durchströmte sie, als sie das bedachte. Sie nahm nachdenklich die Rose und atmete ihren Duft ein, während sie sich auf einen Stuhl setzte und die Augen schloss. Sie musste sich ganz weit weggeträumt haben, denn als sie die Augen öffnete, weil sie etwas am Knie berührt hatte, hockte Chakotay vor ihr und beobachtete sie. „Das Kleid ist von dir? Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll… Es ist wunderschön. Wie kann ich dir dafür danken?“ Er erhob sich und bot ihr den Arm an, um ihr aufzuhelfen und sie beim Gehen zu unterstützen. „Es ist genug, wenn ich dich immer darin sehen kann…“ Bewundernd sah er, wie das Kleid ihre Figur betonte und wie die Farbe ihrer Augen die des Kleides widerspiegelte. „Was heißt immer?“ Chakotay drückte sanft ihre Hand, die auf seinem Arm lag und schwieg. Sie lehnte sich an seine Schulter und sah an ihm empor. Dann gingen sie langsam zu einem Spaziergang auf das lebhafte Promenadendeck.

Sie genossen die gemeinsame Zeit. Meistens saß Chakotay an ihrem Bett, dann machten sie die Spaziergänge, die Doktor Bashir erlaubte. Zusammen sahen sie, wie sich das Wurmloch öffnete und das kleine Schiff ausspie. Sie legten die Arme umeinander und wünschten sich etwas.

Chakotay registrierte mit einiger Verwunderung, dass Kathryn ihn manchmal mit einem neuartigen, verträumten Ausdruck in ihren Augen musterte, dass sie weniger spröde oder gar abweisend ihm gegenüber war als früher, ja mehr in sich selbst zu ruhen schien. Sie erinnerte ihn in ihrer Art sehr an ihre Zeit auf New Earth.

Als Chakotay wieder abreiste, konnte ihm Bashir die Hoffnung machen, dass Janeway in einigen Tagen auch entlassen würde, wenn alles weiter nach Plan verlief.

 

Zu Hause machte sich Chakotay gar nicht mehr die Mühe, in seinem Bett zu versuchen, Schlaf zu finden. Er hatte inzwischen Kathryns Sachen wieder eingeräumt und schlief jede Nacht in ihrem Zimmer. Er konnte es sich gar nicht mehr anders vorstellen, aber irgendwann würde Kathryn ja wieder hier sein. ‚Aber solange… Verdammt, wie ich sie vermisse!’

 

Nach knapp einer Woche gab Doktor Bashir Kathryn alle Dokumente, und sie umarmten sich zum Abschied. Ich danke Ihnen, Doktor. Aber bisschen Sorgen mache ich mir, was Commander Chakotay dazu sagen wird.“ „Wir hätten doch gleich alles mit ihm sprechen sollen…“ „Nein, nein, glauben Sie mir, es ist besser so. Er hätte vielleicht lieber… noch etwas gewartet.“ „Verstehe.“, meinte Bashir. Aber Ihr Alter… entschuldigen Sie, ich meine…“  „Schon gut, Doktor, ich weiß, was Sie meinen.“ „Dann viel Glück, Admiral! Und wenn Sie Hilfe brauchen…“ „Danke, Doktor.“

 

Colonel Kira ließ es sich nicht nehmen, Admiral Janeway mit der Defiant nach Dorvan V zu fliegen. „Als Wiedergutmachung sozusagen.“

Als sie Dorvan erreichten, war es Nacht in Fruchtbare Erde, aber Janeway ließ sich trotzdem direkt zum Dorf hinunterbeamen. Ein Shuttle hätte alle Bewohner aufgeweckt und bis zum Tagesanbruch warten? Sie freute sich nach der langen Zeit wieder auf ein richtiges Bett, allein in ihrem Zimmer… Die Reise, obwohl nur wenige Stunden im oberen Warpbereich, hatte sie erschöpft.

Sie fand sich im Dunkeln mühelos zurecht, das spärliche Licht der Sterne genügte ihr, um leise ins Haus zu gelangen. Ihr Zimmer war gleich nahe dem Hauseingang. Lautlos trat sie ein. Chakotay schlief nebenan. Morgen früh würde sie ihn überraschen, dass sie zurück war. Sie zog sich in ihrem Zimmer im Dunkeln aus. Sie war so angenehm müde, Licht würde sie nur wieder munter machen. Und sie schlief oft schlecht, hatte Alpträume. Jetzt ohne die Beruhigungsmittel vom Doktor… Ihr graute schon vor den nächsten Alpträumen. Da musste sie jeden Schlaf nehmen, den sie kriegen konnte! Sie kramte in ihrer Tasche und fand ihr Nachthemd. Müde ging sie noch einmal ans Fenster. Hinter dem Garten in der Ferne schimmerte der Alpha-Flyer. Dann wandte sie sich dem Bett zu.

 

Chakotay erwachte, als sich die Zimmertür öffnete. Das geschah zwar beinahe lautlos, aber er hatte ein sehr gutes Gehör und ein besonderes Gespür für Gefahr. Er fragte sich, wer hier jetzt etwas zu suchen hätte. Er spannte seine Muskeln wie eine sprungbereite Feder und hielt die Luft an.

Eine zierliche Gestalt huschte durch die Tür und Chakotay dachte, seinen Augen nicht trauen zu können, denn er wusste sofort… Er entspannte sich. Bloß was jetzt tun?  Er würde sie zu Tode erschrecken, wenn er jetzt aufstand. Verstecken? Keine Chance, sie würde ihn bemerken. Er versuchte lautlos zu atmen, während er sie anstarrte. Im fahlen Licht der Sterne sah er, wie sie sich auszog. Ihre Uniform, ihren Rolli, ihre Unterwäsche. Ihre Haut reflektierte leicht den Sternenschein. Kathryn war kaum zu sehen, aber doch viel zu deutlich… Sie war wunderschön. Chakotay hatte das Gefühl, einer Ohnmacht nahe zu sein. Sie bückte sich und zog sich dann ein Nachthemd an. Ein langes, graues, schmuckloses Nachthemd. Chakotay stockte der Atem. Das hatte sie auch damals an, am Abend nach dem Plasmasturm, an dem Abend, den er lange vergeblich zu vergessen suchte. Seine Finger spürten noch ihr langes seidiges Haar, das er durch seine Finger gleiten ließ, bevor er es zu Seite legte. Spürten die Wärme ihrer Haut, als er ihre Schultern massierte. Er hörte in seinen Ohren den Nachhall ihres leisen Seufzers, als er die schmerzende Stelle gefunden hatte. Dieser Abend hätte beinahe ihrer beider Leben verändert…

Nachdem Kathryn eine Weile aus dem Fenster gesehen hatte, wandte sie sich zum Bett um. Nur wenige Schritte trennten sie voneinander…

 

Als Kathryn ans Bett trat, bemerkte sie, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Auf einen Schlag war sie hellwach. Hastig sah sie sich um. Doch, es war ihr Zimmer! Da streckte die Gestalt in ihrem Bett einen Arm nach ihr aus. „Kathryn…“, flüsterte eine Stimme. „Chakotay?“, flüsterte sie ungläubig zurück. Es hatte keinen Sinn zu lügen. Chakotay angelte nach ihrer Hand und zog sie auf die Bettkante nieder. „Entschuldige, ich habe jede Nacht hier geschlafen, seit du fort warst. Ich wusste ja nicht, dass du heute kommst.“  Kathryn wurde ganz heiß, als sie daran dachte, dass er sie vielleicht schon eine Weile beobachtet hatte. Aber es war ja dunkel. So hatte er hoffentlich nichts gesehen und auch nicht, dass sie jetzt rot wurde. Aber da war noch etwas anderes, warum ihr heiß wurde… sie spürte schon förmlich seinen Kuss auf ihren Lippen und fühlte seine Hände… „Kathryn, ich habe dich so vermisst. Ich konnte nicht schlafen…“ Chakotay zog sie sanft zu sich herunter. Seine warme Hand strich von ihrer Hand hinauf zu ihrer Schulter. Er wollte sie nicht wieder bedrängen, nicht wieder etwas zerstören, was gerade wieder aufgebaut war: ihr Vertrauen. „Chakotay…“ Kathryns Stimme zitterte. Sie wollte aufstehen, aber ihre Beine versagten ihr den Dienst. Chakotays Hand strich sanft abwärts über ihren Rücken. „Komm, Kathryn, leg dich hin. Einfach nur so. Neben mich. Das Bett ist breit genug.“ Er zog sie ganz zu sich ins Bett. Bevor er zur Seite rutschte, begegneten sich ihre Körper für einen Moment. Ihre Brust streifte seine und ihre Schenkel berührten sich. Sie atmeten überrascht ein und verhielten in ihrer Bewegung, überwältigt von der Intensität des Gefühls. Im Dunkeln starrten sie in die schwarzen Augen des Anderen. Ganz langsam, wie von unsichtbarer Hand gelenkt, näherten sich ihre Lippen und berührten sich zuerst scheu, bevor sie sich leidenschaftlich trafen. Chakotay drückte sie zärtlich streichelnd an sich und sie fühlte seinen Körper durch ihr dünnes Nachthemd. Mühsam lösten sie den Kuss zum Atemschöpfen. „Bitte, Chakotay, gib mir Zeit…“ Chakotay streichelte ihre Wange und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Wir haben alle Zeit der Welt, Kathryn.“, sagte er beruhigend. Er musste plötzlich daran denken, worum der Doktor ihn gebeten hatte. Er deckte sie fürsorglich mit einer Decke zu. „Ich gehe dann wohl lieber. Gute Nacht, Kathryn, und träum etwas Schönes.“ „Danke, du auch.“, und Chakotay ging leise in sein Zimmer.

Sie lag regungslos in ihrem Bett, aufgewühlt und im Nachhinein erschrocken, was mit ihnen eben geschehen war. ‚Aber habe ich nicht immer davon geträumt? Und wie ich mich all die Jahre danach gesehnt habe! Habe ich ihn jetzt wieder fortgeschickt? Hoffentlich versteht er mich. Ich habe mir sogar ein Kind von ihm gewünscht! Vielleicht kann das Baby doch bei seinen beiden richtigen Eltern aufwachsen?’ So viele Dinge gingen Janeway durch den Kopf  und dass sie so nah am Glück war, machte sie ganz schwindelig. Sie horchte auf die Geräusche aus dem Nebenzimmer, als er ins Bett ging und fragte sich, was er wohl gerade dachte. Irgendwann übermannte sie jedoch die Müdigkeit.

 

Am nächsten Morgen erwachte Kathryn erst spät. Chakotay war sicher schon aufgestanden. Sie reckte sich  und lächelte ihrem Spiegelbild zu. Als sie wenig später in Sekayas indianischen Sachen den Flur betrat, roch sie schon den Kaffee aus der Küche. Neugierig trat sie ein. Chakotay stellte gerade den frisch gebrühten Kaffee auf den Tisch. Als er sie sah, lächelte er, so dass seine Grübchen erschienen, und ging sofort auf sie zu. Er fasste sie sanft bei den Schultern und zog sie vorsichtig an sich. Zuerst versteifte sich Kathryn, dann erwiderte sie seine Geste und  legte zögernd ihre Arme um seine Taille und ihre Stirn an seine Schulter. „Es ist so schön, dass du wieder da bist, Kathryn.“, raunte er in ihr Ohr. Sie sah ihn an und lächelte dann verlegen. „Ja, das finde ich auch.“ Es war so ungewohnt für sie, so von ihm berührt zu werden und vor allem, ihn so zu berühren. Jedes Mal entlud sich ein Funkenfeuerwerk zwischen ihnen.

 

Kathryn war froh, endlich wieder ihren Projekten nachgehen zu können. Das Nichtstun und Grübeln war einfach nichts für sie. Und sie konnte diese verwirrenden Gefühle für eine Weile verdrängen und frei durchatmen. Hier war sie in ihrem Element. Die Kommunikationsstation war inzwischen unter Chakotays Leitung soweit fertig gestellt, dass sie jetzt bei den Feinheiten helfen konnte, wo es um die Verbesserung der Reichweite und Übertragungsqualität ging. Sie hatte von Lieutenant Nog noch einige interessante Tipps mitbekommen. Mit den Technikern begann sie, alle Schaltkreise und EPS-Relais zu überprüfen. Es galt auch, ihnen dabei das nötige Wissen zu vermitteln, dass sie selbst die Anlage betreuen konnten.

Erschöpft, verschwitzt und schmutzig kam Janeway nachmittags zurück nach Fruchtbare Erde. Chakotay stand gerade noch im Dachstuhl eines neuen Blockhauses, von denen noch einige weitere gebaut werden mussten, um alle Zerstörungen des Dominion-Krieges wieder wettzumachen. Als er sie kommen sah, steckte er sein Werkzeug in den Gürtel und kletterte geschickt nach unten. „Kathryn, du solltest dich doch schonen!“, sagte er vorwurfsvoll, als er Kathryn in die Arme schloss und spürte, wie sie vor Erschöpfung wankte. Er legte den Arm um ihre Taille und brachte sie nach Hause. „Danke, das war wohl wirklich ein bisschen viel bei dieser Hitze“, stöhnte Kathryn und rieb sich die schmerzenden Schläfen. „Ich werde jetzt duschen und mich etwas hinlegen.“

Sekaya brachte ihr einen Tee, als sie in einem Morgenmantel vom Duschen kam. „Der wird Ihnen gut tun, wenn Sie so erschöpft von der Hitze sind.“ Der Tee strömte einen pfefferminzartigen Geruch aus. Janeway trank genussvoll einen Schluck. „Danke, Sekaya. Sie sind wie eine Schwester zu mir!“ „Oh, das wäre ich wirklich gern, Kathryn. Ich wünschte mir, es würde einmal wirklich so sein!“ Unvermittelt fügte sie nach einer Pause hinzu: „Chakotay ist so… glücklich, seit Sie wieder hier sind. So froh aus tiefster Seele habe ich ihn seit unserer Kinderzeit nicht erlebt. Dafür bin ich Ihnen dankbar.“ „Das liegt sicher nicht an mir“, entgegnete Kathryn verlegen. „Wir arbeiten doch schon viel länger zusammen und haben sieben Jahre auf kleinstem Raum gemeinsam gelebt. Das hat sicher andere Gründe.“ Sekaya wiegte den Kopf und ging wieder ihrer Arbeit nach. Kathryn nippte an dem Tee und machte es sich auf ihrer Couch bequem und nahm sich ihr Buch zur Hand.

 

Als Kathryn nicht zum Abendbrot erschien, machte sich Chakotay Sorgen, ob es ihr nicht gut ginge. Er wollte sie nicht durch Klopfen an der Tür wecken. Deshalb ging er einfach leise in ihr Zimmer. Kathryn lag auf ihrem Sofa und schlief fest. Das Buch war zu Boden gefallen. Die rotblonden Haare umrahmten ihr Gesicht. Ihre Wangen waren gerötet. Sie lächelte leicht und ihre Lippen waren auf einen Spalt geöffnet. Der umgebundene Morgenmantel hatte sich etwas gelöst und gab Ausblicke frei, die ihr im wachen Zustand mit Sicherheit peinlich gewesen wären. Chakotay erinnerte sich an New Earth, als sie ihr Badetuch ängstlich zusammenhielt, als er ihr auf ihr Rufen zur Hilfe eilte …und nicht zuletzt an ihr gemeinsames Bad im See, als sie sich seinen Blicken ausgeliefert fühlte.  Hätte sie letzte Nacht bemerkt, wie er sie beobachtet hatte, wahrscheinlich wäre sie schon heute abgereist.

Er ließ seine Blicke über auf ihre schlanken Beine und ihr Dekolleté wandern, das ihn bis hinab zu den Rundungen ihrer Brüste sehen ließ. Spirits, das war eine Frau, die sich in der Captainsuniform sieben Jahre vor ihm versteckt hatte! Er befahl seinem Körper ‚Alarmstufe rot, volle Energie auf die Schilde!’, aber er wusste, dass sie schon demnächst komplett zusammenbrechen würden, wenn er nicht schnellstens diese Gefahrenzone verließ.

Er nahm eine leichte Decke vom Fußende und Kathryn murmelte zufrieden im Schlaf, als er sie damit zudeckte. Eine warme Welle der Zuneigung und der Fürsorge durchfloss ihn. Lautlos verließ er ihr Zimmer, brachte aber kurz darauf noch eine Karaffe frisches Wasser und stellte sie auf ihren Tisch.

 

Als Kathryn aufwachte, begann die Sonne schon unterzugehen. Sofort bemerkte sie die Decke und die Wasserkaraffe auf ihrem Tisch. Dankbar füllte sie sich ein Glas und trank es hastig. ‚Vielleicht sollte ich das nächste Mal abschließen’, dachte sie eingedenk ihres Negligés halb verärgert, ‚aber dann hätte ich jetzt noch immer schrecklichen Durst’, musste sie sich eingestehen. Chakotay war wirklich rührend um sie besorgt.

Der Abend war noch warm. Sie zog sich ein neues rotes Kleid mit kurzen Ärmeln an, das sie sich schon damals von DS9 mitgebracht hatte und wollte vor das Haus gehen, wo sich um diese Zeit die Familie gern versammelte.

Als Chakotay ihre Schritte im Haus hörte, kam er ihr schon entgegen. Er sah sie strahlend mit bewundernden Blicken an, nahm dann ihr Gesicht sanft in beide Hände und küsste ihre Stirn. Er bestand darauf, dass sie noch eine Kleinigkeit aß. „Hast du Lust auf einen Spaziergang zum See? Der Mond wird bald aufgehen.“  „Oh ja, gern. Es ist schon so lange her, seit ich einmal dort war.“  

Sie gingen zusammen aus dem Haus und schlugen den Weg zum See ein. Als sie den Wald betraten, fasste Janeway zaghaft nach Chakotays Hand. Er umschloss ihre Finger und drückte sie leicht. Hand in Hand durchquerten sie den Waldstreifen und traten in die Grasebene, über der der erste Nachthimmel in allen Farben, von orange bis hin zu tiefviolett leuchtete. „Oh“, stieß Kathryn bewundernd aus und blieb beeindruckt stehen. Chakotay löste seinen Griff und legte langsam seinen Arm um sie. Kathryn legte ihren Kopf an seine Schulter und schloss für Sekunden die Augen, als eine heiße Welle ihren Körper überflutete. Mehrere Minuten verharrten sie und schauten der Veränderung der Himmelsfarben zu. Dann setzten sie ihren Weg fort. „Ich würde doch lieber hier auf der Ebene gehen und den Himmel ansehen“, bat Janeway. Chakotay lachte leise und schlug einen Pfad über die grasigen Hügel ein. Sein Arm umfasste noch ihre Schultern und seine Finger spielten mit gelösten rotblonden Haarsträhnen, die seine Hand streiften. Langsam begann seine Hand ihren Hals und ihre Schulter unter dem Kleid zu streicheln. Ihre Schritte wurden immer langsamer, bis sie einander zugewandt stehen blieben. Kathryn schlug das Herz bis zum Hals. Der Hauch eines Lächelns umspielte ihren Mund. Ihre meerblauen Augen waren erwartungsvoll auf Chakotay gerichtet. Er hob auch die zweite Hand empor und löste vorsichtig ihre Haarspange, so dass ihr seidiges Haar über seine Hände fiel. „Kathryn…“ Lächelnd ließ er es durch seine Finger gleiten. Kathryn starrte fasziniert auf seine Grübchen. Ganz weich wurden ihr immer die Knie, wenn er so lächelte. Dann aber wurde sein Gesicht plötzlich ernst. Er hielt Kathryns Blick fest und ging einen kleinen Schritt auf sie zu. „Ich liebe dich…“ Ihre Körper berührten sich. Sie atmeten heftig und stoßweise. Chakotay streichelte zärtlich mit den Daumen ihre Wange, ergriff vorsichtig ihr Kinn und führte es sanft, aber bestimmt ihm entgegen, bis sich ihre Lippen trafen. Die tastende Berührung ihrer Lippen schickte einen Stromstoß durch ihre Körper. Beide stöhnten leise, als seine Hand ihren Nacken umfasste, sie ihre Lippen öffneten und ihre Zungen sich trafen. Kathryn hatte ihre Hände an seine Brust gelegt. Sie streichelten über seinen Oberkörper und glitten verführerisch langsam herab über seine Hüften zu seinen Schenkeln. Er seufzte, strich leidenschaftlich über ihren Rücken und umfasste ihre Pobacken. Er drückte sie heftig an sich. Ein Schauer bis in ihren tiefsten Kern überlief sie, als sie deutlich seine Erregung spürte, die sich gegen ihren Unterleib presste. Sie antwortete mit einem leichten Gegendruck ihrer Hüften und küsste ihn leidenschaftlich. Seine Hand tastete nach ihrem Kleidersaum und fuhr an ihrem Oberschenkel empor, während seine Küsse an ihrem Hals abwärts wanderten. „Meine Kathryn…“, flüsterte er in ihr zerstrubbeltes Haar. An ihrem Po verhielt er in seiner Bewegung überrascht, als er ihre nackte Haut fühlte. Erst als seine Hand höher tastete, bemerkte er den dünnen Streifen Stoff der um ihre Hüften verlief. Sie hatte sein Shirt aus der Hose gezogen und ihre Finger streichelten die heiße Haut seines Rückens, seiner Brust und krochen unter seinen Hosenbund. Ihre ganze aufgestaute Sehnsucht schien sich entladen zu wollen. Endlich musste sie ihre Gefühle für ihn nicht mehr mühsam verdrängen. Nichts und niemand schien jetzt mehr zwischen ihnen zu stehen.

Er umfasste plötzlich mit einem Arm ihren Po und hob sie empor, so dass sie ihre Hände brauchte, um sich an ihm festzuhalten. Langsam ließ er sich mit ihr ins noch sonnenwarme Gras sinken, so dass sie auf ihm zu liegen kam. Er öffnete leicht seine Beine, damit sie nicht herunter rollte. Sie stützte sich auf und zog zärtlich das erste Mal in ihrem Leben sein Tattoo mit ihrer Fingerspitze nach, während er sie unverwandt lächelnd beobachtete. „Weißt du, dass ich das schon immer einmal tun wollte… und immer wieder tun möchte?“, flüsterte sie dabei. Dann malte ihr Finger seine Gesichtszüge nach, und er versuchte, ihre Fingerspitzen dabei zu küssen, bevor sich ihre Lippen wieder mit Leidenschaft trafen. Chakotay streichelte ihren Rücken und ihren Po unter ihrem Kleid. Vorsichtig tasteten seine warmen Hände aufwärts und seine Daumen streichelten sanft über die seitlich fühlbare Wölbung ihrer Brüste. Kathryn gab sich seinen Zärtlichkeiten hin und legte den Kopf auf seine Brust, in der sie den Rhythmus seines Herzens hörte. Ihr Blick wanderte empor zu den ersten Sternen. Schon sehr lange war sie nicht mehr so glücklich gewesen.

Sie dachte an ihr gemeinsames Baby, das in ihr wuchs und daran, wie nahe er ihm gerade war, ohne es zu ahnen. ‚Ich könnte mich ihm jetzt ganz hingeben und dann würde er nie die Wahrheit erfahren, wie es wirklich entstanden ist. Allerdings hat der Doktor mir wegen der Risiken davon abgeraten, …es …jetzt schon zu tun. Aber viel wichtiger ist mir, dass ich mir erst über unsere Gefühle füreinander ganz sicher bin.  Über meine und über seine… Eher soll er auch nichts erfahren. Er wäre sonst nicht frei in seinen Entscheidungen.’

„Ich glaube, wir sollten jetzt lieber nach Hause gehen“, flüsterte sie sanft nach einer Weile und spürte, wie Chakotay nickte. Ohne sich loszulassen standen sie auf und strichen ihre Kleider glatt. Auf dem Rückweg zum Dorf blieben sie immer wieder stehen, um sich liebevoll zu küssen.

 

Die Tage auf Dorvan vergingen wie im Flug. Die Kommunikationseinheit funktionierte zuverlässig und zufrieden stellend. Jetzt konzentrierten sich Janeway und die Techniker auf Verbesserungsmöglichkeiten der Photovoltaikanlage. Die Sonnenkollektoren wurden mit Hilfe moderner Messgeräte optimal ausgerichtet. Durch die neuen Laderegler, die Kathryn mit von Deep Space Nine gebracht hatte, konnte die Effektivität weiter gesteigert werden. Nicht zuletzt sorgte der Aufbau weiterer Kollektoren und Akkumulatoren endlich für eine stabile und ausreichende Energieversorgung von Fruchtbare Erde.

Chakotay holte Kathryn  jeden Tag nach getaner Arbeit an der Solaranlage ab, um von dort aus mit ihr Schwimmen zu gehen, denn die Anlage lag auf halbem Wege zum See. Kathryn dachte bei der Arbeit oft an Chakotay, und dann huschten ein Lächeln und eine flüchtige Röte über ihr Gesicht, und es kribbelte in ihrem Bauch. Entgegen ihrer früheren Eigenart konnte sie den Abend gar nicht erwarten. Kathryn musste sich über sich selbst wundern. Früher hätten ihr solche Gefühle Unsicherheit, wenn nicht Unbehagen bereitet. Lag es an der natürlichen und entspannten Lebensweise der Indianer? Daran, dass sie hier einfach nur Kathryn war? Chakotay bedeutete ihr mehr als je zuvor. Sie wollte auch nicht glauben, dass er zu Seven zurückkehren würde. Das würde sie nicht überleben. Trotzdem scheute sie sich noch davor, das eine Wort in ihrem Kopf zu auszuformulieren oder gar auszusprechen, dass ihre Gefühle für Chakotay beschrieb. Damals, auf ihrer langen Reise  wäre ihr das leichter gefallen, aber dann kam alles anders als sie sich erträumt hatte. Sie hoffte, dass Chakotay trotzdem wusste, wie viel sie für ihn empfand. Sie wollte ihm und auch sich selbst ihr Herz noch nicht vollends offenbaren, denn es machte sie so sehr verwundbar.

Kathryn schüttelte zu sich selbst den Kopf. Sie wollte jetzt nicht darüber grübeln.

Heute gab es für sie hier bei der Photovoltaikanlage nichts mehr zu tun, denn die Männer mussten erst Fundamente für die neuen Installationen ausheben und gießen. Es war noch früh am Nachmittag, und sie beschloss, schon an den See vorzugehen. Sie nahm ihre Badesachen und bat die Männer, Chakotay Bescheid zu sagen, wenn er käme.

Am See hatten sie bei ihren Streifzügen einen alten, aber noch intakten Steg entdeckt, von dem sie meistens baden gingen. Er reichte ein Stück in den See hinein. Man konnte auch phantastisch darauf sitzen und sich sonnen, da er nicht von Bäumen überschattet wurde.

Kathryn ging auch heute zum alten Steg, schwamm erst eine Runde und erfrischte ihr Gesicht nach der Arbeit in der staubigen Ebene. Da sie allein war, zog sie ihren Bikini erst nach dem Baden an, um sich etwas in die Sonne zu legen. So war er wenigstens noch angenehm trocken, und sie erkältete sich nicht. Sie breitete ihr Handtuch aus und streckte sich auf dem Bauch zu einem Nickerchen aus, denn auf diese Weise blendete sie die Sonne nicht.

 

Sie erwachte, als zwei warme Hände ihr sachte den Rücken hinauf strichen und sanft ihre Schultern massierten. Sie lächelte. Nur Chakotay konnte das so. Jetzt erst spürte sie auch, dass er sich über sie gekniet hatte. Himmel, hatte sie so fest geschlafen? Mit gekonnten Griffen lockerte er ihre Muskulatur. Sie stöhnte genüsslich dabei und drehte den Kopf zur anderen Seite, aber sie konnte auch hier nur ein braunes Knie sehen, das sich an ihre Hüften schmiegte. Sie tastete mit der Hand nach hinten und streichelte sein Knie und den Oberschenkel hinauf. Dabei spürte sie deutlich, wie seine Massagegriffe sinnlicher wurden. „Kathryn… was tust du da?“, stieß er atemlos hervor. Er rutschte von ihrer Hand fort und Kathryn tastete in der Luft herum. Als sie ihn nicht erreichen konnte, drehte sie sich auf den Rücken und sah ihn schelmisch grinsend an. Sie streckte ihre Arme nach ihm aus. Chakotay begann, sie von ihren Knien an aufwärts zu streicheln und zu küssen. Kathryn schnappte nach Atem, als er ihre Schenkel liebkoste. Nur über ihr Bikinidreieck ließ er seine Hand leicht und flüchtig gleiten, um dann ihren Bauch mit seiner Zunge zu kitzeln. Kathryn wand sich unter ihm und, aber er hielt einfach ihre Arme fest. Dann streichelte er scheu und zart über ihren Busen und schob das Bikinioberteil nach oben über ihren Kopf. Er neigte sich zu ihr herab und liebkoste ihre Brüste und die aufgerichteten harten Warzen mit seinem Mund. Kathryn keuchte und versuchte, seinen Kopf zu ihrem Mund heran zu ziehen. „Chakotay… bitte…“  Ganz langsam ließ er seine Küsse ihren Hals hinauf wandern, bis sich ihre Lippen leidenschaftlich öffneten und sich ihre Zungen trafen. Dabei senkte er seinen Körper behutsam auf ihren herab und nahm ihr Gesicht in seine Hände. Haut traf auf Haut während sie sich für Sekunden tief in die Augen sahen. Kathryn spürte etwas Festes durch seine Shorts zwischen ihren Schenkeln und tief in ihrem Innern begann es heiß zu pochen. Beide stöhnten leise, als sie das neue Gefühl des Zusammenseins genossen und Chakotay vergrub seinen Kopf in ihrem Haar. „Kathryn, bitte geh nicht wieder fort, bitte bleib hier“, flüsterte er zwischen hastigen Atemstößen in ihr Ohr. Kathryn schloss ihre Augen, lächelte und fuhr mit ihren Händen durch sein schwarzes Haar, das erste graue Strähnchen durchzogen. „Es geht nicht. Ich muss wieder fort. Ich muss zu meiner Arbeit zurück, Chakotay.“ Ihre Stimme klang bedauernd, ja fast traurig. „In fünf Tagen schon muss ich auf DS9 sein, dann geht mein Flug zur Erde. Bringst du mich hin?“ „Nein, ich werde dich hier einsperren, wo dich niemand findet!“, stieß er hervor und küsste ihr Gesicht ab. „Natürlich bringe ich Dich hin“, fügte er ernst geworden hinzu. „Wirst du zu mir zurückkommen?“ Er legte sich auf die Seite neben sie und strich mit seinen Finger die Mittelachse ihres Oberkörpers sachte herab von ihrem Hals bis zu ihrem Bauchnabel. Kathryn dachte wieder an sein Baby, das darunter in ihr wuchs. Sie fühlte einen leichten Stich in ihrem Herzen. Hätte sie es ihm doch sagen sollen? Sie stützte sich ebenfalls auf und strich über seine Brust. „Ich weiß es nicht genau. Ich muss mir erst über mich selbst ganz im Klaren sein. Es ging plötzlich alles so schnell mit uns. Und du solltest auch etwas Zeit vergehen lassen, ob du dann wirklich noch möchtest, dass ich zurückkomme oder vielleicht jemand anders dir wichtiger ist.“ „Niemals wird mir jemand wichtiger sein als du!“ Chakotay neigte sich vor und küsste sie. „Das hast du schon einmal gesagt auf New…“ Chakotay ließ sie nicht ausreden und küsste sie abermals. „Ich werde meinen Fehler nicht zweimal machen.“, verteidigte er sich. „Ich dachte damals auch, du wolltest mich nicht mehr…“ „Und jetzt ist das anders?“, fragte Janeway herausfordernd. Chakotay nickte stumm und fuhr fort, sie zu küssen. „Dann schlage ich dir einen Deal vor.“ Chakotay sah auf. „Ich werde in etwa einem Monat, am 20. Oktober, nachmittags gegen 15:00 Uhr in San Francisco im Café ganz am Ende der Strandpromenade, nicht weit vom Hauptquartier, wie immer meinen Kaffee trinken gehen. Ich trinke dort am liebsten meinen Kaffee, phantastischen italienischen Kaffee! Wenn du dann immer noch möchtest, dass ich zu dir zurück komme… dass wir zusammen sind, setzt du dich zu mir und ich sage dir dann auch, wie es mir ergangen ist. …und wenn du nicht kommst, dann weiß ich eben auch...“ „Und bis dahin?“ „Sollte jeder von uns auf sein Herz hören.“ „Keine Kontakte?“ „Nein. Wirklich Abstand gewinnen.“ „Ich weiß nicht ob ich das schaffe…“, Chakotay begann wieder, sie liebevoll und verführerisch zu streicheln. „Ich werde dir heimlich hinterher fliegen…“ Kathryn ließ sich zurücksinken und schaute ihn aus zusammengekniffenen Augen an. „Das wirst du nicht tun!“ Ihr Arm glitt heimlich ins Wasser herab. „Dann werde ich dich festnehmen lassen wegen Befehlsverweigerung!“ Sie holte aus und bespritzte ihn mit einer Handvoll Wasser. Chakotay lachte sein Grübchenlachen. „Entschuldigen Sie, Admiral“, packte sie und ließ sich mit ihr zusammen ins Wasser fallen. Sie schwammen ihre Runden. Aber als sie Hand in Hand nach Hause gingen, hing der baldige Abschied, der nun nicht mehr zu ignorieren war, wie ein Damoklesschwert über ihnen. Sie verabschiedeten sich nach dem Abendessen gleich für die Nacht voneinander. Jeder wollte mit seinen Gedanken für sich allein sein.

 

Mitten in der Nacht schreckte Chakotay auf, als er einen Schrei aus Kathryns Zimmer hörte. Das Herz drohte ihm vor Angst um sie stehen zu bleiben. Mit einem Satz war er aus dem Bett und so in Shorts wie er war, hastete er nach nebenan. Er wusste von ihren gelegentlichen Alpträumen, hatte sie manchmal nachts weinen oder herumgehen hören, sich aber nie getraut, deshalb zu ihr zu gehen. Sicher wäre ihr das peinlich gewesen. Aber heute… Hoffentlich war ihr nichts passiert!

Kathryn saß in ihrem Bett an die Wand gepresst und starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen an. „Es ist alles voller Blut“, sagte sie tonlos. Sie war allein in ihrem Zimmer. Chakotay atmete auf. „Shh, Kathryn, ich bin’s!“ „…alles voller Blut“, wiederholte sie fassungslos. Er streckte seine Arme nach ihr aus und ging langsam auf sie zu. „Kathryn, es ist alles gut, du bist hier, bei mir in Fruchtbare Erde, auf Dorvan!“ Er setzte sich auf die Bettkante und streichelte ihren Arm. „Kathryn, du hast geträumt!“ Plötzlich ging eine Welle des Erkennens durch ihren Blick und sie begann hemmungslos zu schluchzen. „Chakotay?“ Sie klammerte sich an seinen Arm. „Du bist mir hinterher geflogen nach San Francisco. Ich habe dich aus meinem Fenster gesehen, als du landen wolltest. Ich wollte gerade nach unten laufen, da gab es eine schreckliche Explosion… der Alpha-Flyer…“, das Weinen ließ ihre Stimme brechen, „das Fenster zersprang und ich, die Wohnung, alles war plötzlich voller Blut und voller…“, sie musste würgen und stürzte an Chakotay vorbei ins Bad. Als er hinterher kam, saß sie auf einem Hocker und lehnte kreidebleich an der Wand, während sie nach Luft schnappte. Er machte ein Handtuch nass, wischte ihr vorsichtig das Gesicht ab und kühlte ihr die Stirn. Dann reichte er ihr ein Glas Wasser. „Besser?“ Sie nickte und lehnte dankbar ihren Kopf zur Seite an seine Brust. Chakotay strich ihr beruhigend das schweißnasse Haar aus der Stirn und legte tröstend seinen Arm um sie. „Komm, ich bring dich wieder ins Bett“, sagte er sanft, half ihr auf und führte sie wieder ins Zimmer. Sie ließ seine Hand nicht los, als sie sich hingelegt hatte. „Bitte, bring mich nicht nach DS9“, sagte sie leise und Tränen traten wieder in ihre Augen. „Warum nicht?“ „Ich habe Angst…“ „Kathryn… du hast geträumt…“ „Damals, als ich… sie hätten mich umgebracht.“ „Nicht jetzt, Kathryn…“, er strich über ihre Wange, „Lass uns morgen über alles reden. Ich gehe jetzt wieder ins Bett.“ Er küsste sie auf die Stirn und wandte sich zum Gehen.

Janeway hörte am leisen Knarren des Holzes, wie Chakotay sich in sein Bett legte. Sie lag wach und starrte an die Decke. Immer wieder kamen ihr diese schrecklichen Bilder aus ihrem Traum in Erinnerung.

‚Jetzt bin ich genau an dem Punkt, vor dem ich mich immer gefürchtet habe!’, schoss es Janeway in den Sinn. ‚Deshalb musste ich, solange ich als Captain für die Voyager verantwortlich war, Chakotay immer wieder abweisen, auch wenn ich ihm damit sehr wehgetan habe. Ich kann jetzt wirklich nicht mehr objektiv über ihn denken und entscheiden, geschweige denn, dass ich eine Crew führen könnte, der er angehört, weil ich ihn… weil ich ihn so sehr mag. Es würde mich zerbrechen, würde ich ihn auch verlieren- durch meine Schuld- wie Justin.’ Sie spürte, wie sich ihr Herz bei diesem Gedanken zusammenkrampfte … Nein, sie wollte sein Leben nicht riskieren.

Sie stand kurzentschlossen auf, verließ ihr Zimmer und schlich sich aus dem Haus. Dann lief sie zum Alpha-Flyer. Mit seiner Kommeinheit kannte sie sich am besten aus. Sie gab mit fliegenden Fingern einige Kommandocodes ein. „Admiral Janeway auf Dorvan V an Deep Space Nine!“ „Deep Space Nine, Lieutenant Dax hier.“ „Lieutenant, wann fliegt in den nächsten vier Tagen ein Schiff aus Richtung der ehemaligen EMZ nach DS9? Mein Flug zur Erde geht in fünf Tagen von DS9 aus.“ „Sir, die Rio Grande befindet sich gerade auf Sternenbasis 310. Lieutenant Bilecki wird Sie in drei Tagen abholen. Sie wird sie rechtzeitig vor Ankunft der Rio Grande kontakten. Ich werde Lt. Bilecki entsprechende Order geben.“ „Danke, Lieutenant. Janeway Ende.“ Kathryn seufzte erleichtert und lehnte sich im Pilotensessel zurück. Ihr Flug nach DS9 war also geklärt, ohne dass sie Chakotay dafür in Anspruch nehmen musste. Der Alpha-Flyer war wahrlich kein Schiff, das auch nur für kleine Scharmützel geeignet war. Sie freute sich auch, Julian Bashir und Ezri Dax wiederzusehen, die sich damals so um sie gekümmert hatten. ‚Der Doktor könnte vor meinem Abflug zur Erde gleich noch einen Gesundheitscheck durchführen, ob sich alles aus seiner Sicht nach Plan entwickelt.’, überlegte Janeway. Sie schloss ihre Augen und zog die Füße auf den Sitz. Sie musste an das Baby denken und strich über ihren Bauch.  Chakotays Baby. Wärme und Zuneigung durchfluteten sie. Dann kam ihr wieder dieser schreckliche Traum in Erinnerung… Chakotay… das Blut, Reste eines Körpers… seines Körpers… verteilt in ihrer Wohnung… sie spürte wieder Übelkeit in sich aufsteigen und atmete tief durch.

Sie raffte sich auf und ging langsam zum Haus zurück.

Ein frischer Wind war aufgekommen. Kathryn fröstelte in ihrem Nachthemd. Sie schlang ihre Arme um sich. Sie wusste, sie würde nicht wieder einschlafen können… Der Traum, die Erinnerung an Justins und ihres Vaters Tod, die dadurch wieder lebendig geworden war…‚ wenn sie auch noch Chakotay verlor… Ihre Gedanken drehten sich im Kreis, vermischt mit einem immer dicker werdenden Kloß der Traurigkeit in ihrem Hals, dass sie schon so bald allein zur Erde reisen würde. Zur Erde, aber nicht nach Hause. Hatte sie überhaupt noch ein Zuhause? Die Voyager war ihr zu Hause. Dort fühlte sie sich zu Hause, spätestens nachdem Mark ihre Verlobung aufgekündigt hatte… aber nicht nur deshalb… auch weil er dort war… der Mann, den sie… und der jetzt wieder hinter ihren Verpflichtungen gegenüber Starfleet zurückstehen musste… Würde er sie verstehen? Würde er nach San Francisco kommen, nicht wissend, wie sie sich entschieden haben würde? Sie fühlte sich so verzweifelt, so allein. Sie sehnte sich nach seinem Trost… seiner Wärme…

Überrascht sah sie auf, als sie einen Türknauf in der Hand fühlte. Sie hatte ihren Weg über ihr Grübeln gar nicht bewusst wahrgenommen. Aber sie fühlte, dass es nicht ihr Türknauf war. Das Holz fühlte sich anders an, abgegriffener die Kanten…

 

Chakotay hatte bereits gehört, als Kathryn ihr Zimmer verlassen hatte. Er war wach geblieben und hatte beunruhigt gelauscht, bis er nach einer halben Stunde ihre leisen Schritte zurückkommen hörte. Er wollte ihr nicht gleich nachgehen, um ihr die Möglichkeit zu geben allein und unbeobachtet zu sein. Er nahm an, dass sie sich vor das Haus auf die Bank gesetzt hatte. Gerade hatte er nach einem Blick auf die Uhr erwogen, nach ihr zu sehen, als er sie zurückkommen hörte. Überrascht nahm er wahr, dass Kathryns Schritte nicht vor ihrer Tür verhielten, sondern näher kamen. Langsam drehte sich der Knauf und die Tür gab nach. Sie schlüpfte lautlos durch den engen Spalt.

Kathryn trug wieder das graue Standard-Starfleet-Nachthemd. Er fühlte wie sein Herz gegen das Brustbein pochte, wie ein Prickeln sich in seinem Körper ausbreitete. Sie so zu sehen, bedeutete ihm mehr als das schönste Kleid.

Sie kam zögernd näher. Chakotay streckte genauso wie damals seinen Arm nach ihr aus und rutschte in seinem breiten Bett an die Wand. Kathryn blieb einen Moment stehen und blickte um sich. Dann nahm sie eine Decke von seinem Sessel und legte sich wortlos damit neben ihn. Chakotay spürte plötzlich ein paar eiskalte Füße zwischen seinen Waden.  Er lachte leise, legte seinen Arm um sie und zog sie zu sich heran. Er streichelte ihre Wange und fühlte eine feuchte Spur. Er wischte sie mit dem Daumen fort. Kathryn sah ihn unverwandt durch die Dunkelheit hindurch an. Nach einer Weile wisperte sie: „Ich kann nicht schlafen.“ Chakotay schob einem Arm unter ihr hindurch, so dass ihr Kopf darauf zu liegen kam und drückte sie an sich. „Noch immer der Traum?“ Sie nickte, schmiegte sich an ihn und legte ihre Hand auf seine Brust. Er streichelte beruhigend ihren Rücken durch die Decke hindurch.

Nach einer Weile hörte er an ihrem gleichmäßigen Atmen, dass sie eingeschlafen war. Er lächelte glücklich in sich hinein und hauchte einen Kuss auf ihr Haar. Dann überließ  er sich selbst dem Schlaf.

 

Kathryn erwachte als sie fühlte, wie jemand zärtlich mit ihren Haaren spielte und begann, sie mit einzelnen Strähnen im Gesicht zu kitzeln. Sie blinzelte verschlafen und ihr Blick fiel als erstes auf lächelnde Lippen in Gesellschaft tiefer Grübchen. Sie schloss die Augen noch einmal und streckte sich zurücklächelnd in ihrer ganzen Länge und seufzte. Eine warme Hand streichelte ihren Arm, der aus der Decke hervorschaute. Bevor sie es sich versah, spürte sie weiche Lippen auf ihrem Mund. Sie wusste, wohin das zu führen drohte und kämpfte sich nach dem Kuss aus seinen Armen, um aufzustehen. „Du bist über Nacht draußen gewesen?“ „Ich konnte nicht zur Ruhe kommen.“ „Ich hätte noch bei dir bleiben sollen…“  Janeway wehrte mit einer Handbewegung ab. „Ich habe DS9 kontaktet. Die Rio Grande holt mich in zwei Tagen ab, sie ist sowieso auf dem Vorbeiflug.“ „Kathryn, warum hast du nicht zuerst mit mir gesprochen. Ich dachte, ich sollte dich hinbringen! Du bist jetzt nicht mehr mein Captain, der über meinen Kopf hinweg Entscheidungen treffen kann…“, er brach seine lauten Vorwürfe ab, als er Kathryns erstaunt-verärgerten Gesichtsausdruck sah. „Abgesehen davon, Commander, dass ich Ihnen nach wie vor vorgesetzt bin, denke ich, dass ich eine unabhängige Frau bin, die ihre Entscheidungen allein treffen kann.“, sagte Janeway kühl. Dann schmolz ihr stahlharter Blick zu ihrem schiefen Grinsen und im ihren Augen glitzerte es verräterisch: „Ich könnte nicht ertragen, dass dir etwas durch meine Schuld zustößt. Ich… ich… könnte ohne dich… das heißt… damit nicht leben.“ Ihre Stimme zitterte leicht. Sie ging einen Schritt auf ihn zu und legte ihre Hand in ihrer typischen Art auf seine Brust. „Ich wusste, Du würdest es nicht zulassen. Deshalb musste ich dich vor vollendete Tatsachen stellen.“, fügte sie mit fester Stimme hinzu. „Mir ist letzte Nacht auch klar geworden, dass es wirklich nicht funktioniert hätte, du und ich… wir… ich meine… zusammen… an Bord der Voyager. Und jetzt… das ist wieder ein Beweis dafür… Dass ich dich dadurch verlieren würde… das war der Preis für eine sichere Heimkehr und eine funktionierende Crew.“  Sie wandte sich rasch ab und verließ eilig sein Zimmer. Chakotay sah ihr nachdenklich hinterher.

 

Zwei Tage später meldete sich die Rio Grande pünktlich vor Eintreten in den Orbit um Dorvan. Janeway hatte die letzten Tage wieder ihren Kommunikator getragen, um den Ruf empfangen zu können. Sie hatte schon einen Tag vorher alle Sachen gepackt. Auf Sekayas Drängen behielt sie auch die indianische Tracht mit der wertvollen Stickerei. Als Janeway sie ihr mit Dank zurückgeben wollte, sagte Sekaya, indem sie ihr das Bündel wieder in den Arm drückte: „Sie werden es wieder brauchen- als meine Schwester!“ Dazu zwinkerte sie in ihrer fröhlichen, direkten Art und drückte ihre Hand. „Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.“ Damit umarmte sie Kathryn. „Das liegt leider nicht nur in meiner Hand“, setzte Janeway an, schwieg aber, als Chakotay hinzutrat. Aber Sekaya hatte sie auch so verstanden, vermutete sie.

Sekaya zog sich zurück, um Chakotay und Kathryn die letzten Minuten allein zu lassen.

Sie wussten beide nicht, was sie sagen sollten, außer ihre Namen zu wispern. Zärtlich berührten sie das Gesicht des Anderen und küssten sich ein letzten Mal. „Danke, für die Zeit hier“, managte Janeway endlich hervorzubringen. Sie blinzelte Tränen zurück. Da zirpte ihr Kommunikator. „Janeway hier.“ „Hier Rio Grande. Wir sind bereit, Sie an Bord zu beamen, Sir.“ „Bleiben sie auf Standby, Rio Grande!“ Sie wandte sich noch einmal an Chakotay: „Ich werde warten…“ „Ich weiß. Gib auf dich Acht, Kathryn! Ich liebe dich.“ Janeway tippte ihren Kommunikator an. „Energie!“ Bevor der Transporterstrahl sie erfasste, umarmte sie Chakotay für den Bruchteil einer Sekunde. Als sie lächelnd dematerialisierte, fühlte er etwas, was sie ihm dabei in die Hand gedrückt hatte. Es war das abgegriffene Foto. Er lächelte wehmütig. Ja, er würde es ihr zurückbringen… bald.

 

Als sich Chakotay dem Café näherte, fühlte er, wie sein Herz zu rasen anfing. Er tastete wohl zum zwanzigsten Mal seit seiner Landung in San Francisco in seiner Jackentasche nach der winzigen Holzschachtel und dem alten, abgegriffenen Foto. Er beschleunigte seinen Schritt, dann verhielt er wieder, versuchte schon aus Entfernung einen Überblick über die Gäste unter der Sonnenschirmen an der Strandpromenade zu bekommen. Dann hatte er sie entdeckt. Er blieb stehen, um sie einen Moment zu beobachten, sich ihren Anblick in sein Gedächtnis einzubrennen, während er sein Herz im ganzen Körper schlagen fühlte und sein Mund trocken wurde.

Der Wind wehte kühl vom Pazifik herauf. Die Frau fröstelte und rieb sich die Arme. Sie sah sich suchend um und stand auf, um sich einen Schal um die Schultern zu legen. Ihr rotgoldenes Haar reflektierte die Sonnenstrahlen. Es schien noch länger geworden zu sein. Sie trug ein blaues Kleid, das unter der Brust gebunden war und darüber eine dunkelblaue Wickelbluse aus bajoranischer Spitze. Chakotay lächelte. Das Kleid war ihm so vertraut. Zweifellos hatte sie es absichtlich ausgerechnet heute angezogen, denn sie tat niemals etwas ohne Überlegung. Er nahm das kleine Holzkästchen aus seiner Tasche und sah noch einmal hinein. Dann blickte er hinüber zu ihr. Bevor der lange Schal ihre Gestalt verhüllte, blies ein heftiger Windstoß das Kleid hautnah gegen ihren Körper. Ihr Bauch zeigte eine nur leichte, für jemanden, der sie so gut kannte wie er, aber unübersehbare Wölbung. Chakotays Finger schlossen sich krampfhaft um das Holzschächtelchen. Er hatte das Gefühl, der Boden unter ihm würde sich in eine bodenlose Leere verwandeln. Sie war schwanger. Sie war hier, um ihm Lebewohl zu sagen. Das konnte er nicht ertragen. Er spürte es wie einen Schlag in die Magengrube, wie einen Würgegriff, der ihm den Atem zu nehmen drohte. Die Enttäuschung floss eiskalt und wie Blei in seinen ganzen Körper. Jetzt begann er zu erahnen, wie Kathryn sich damals gefühlt haben musste.

Er ging mit schleppenden Schritten durch den Eingang des Cafés an der Stadtseite, der von der Terrasse nicht einzusehen war, ließ sich einen Zettel geben und schrieb:

Liebe Kathryn, ich wünsche Dir alles Gute für Dich und Deine neue Familie. Du wirst meine Freundschaft niemals verlieren. Wenn Du mich brauchst, weißt Du, wo du mich finden kannst. Er atmete einmal tief durch und setzte hinzu: Ich liebe Dich. Chakotay

Dann faltete er den Brief zusammen, legte das Foto hinein und gab ihn dem Kellner. Langsam verließ er das Café und ging langsam im Schutz der schattigen Bäume zurück auf die Promenade. Er wollte nicht sehen, wie sie den Brief las und ging langsam weiter. Seine Finger hielten in der Tasche das Schächtelchen verzweifelt umklammert.

 

Kathryn Janeway sah auf ihren Chronometer. Chakotay hätte längst hier sein müssen. Eigentlich hatte sie ihn sogar eher erwartet als vereinbart. Aus ihrer Freude auf das Wiedersehen wurde Besorgnis. Ihr fröstelte. Sie stand auf, um sich den Pashminaschal um die Schultern zu legen. Sie strich über das wunderschöne Kleid, das ihr Chakotay vor vier Monaten geschenkt hatte. Dank seines Schnittes war ihre Schwangerschaft nicht offensichtlich. Sie wollte es ihm erst sagen, wenn sie sich absolut sicher war über ihrer beider Gefühle. Das Baby sollte ihn auf keinen Fall in seinen Entscheidungen beeinflussen.

Nicht lange, nachdem sie sich wieder hingesetzt hatte, trat ein Kellner mit einem Brief an sie heran. Sie fühlte, wie eine eisige Angst sie beschlich und ihr Herz sich zusammenzog.

Sie entfaltete den Zettel, nahm mit zitternder Hand das Foto und las ihn. Dann sprang sie auf, ohne den Stuhl zu beachten, der hinter ihr umstürzte. Der Kaffee schwappte über den Tassenrand. Sie sah sich hektisch um und erblickte ihn endlich, wie er langsam und vornüber gebeugt die Promenade entlang ging.

Sie bahnte sich einen Weg durch die Café-Besucher, lief die Promenade entlang und umarmte den Mann stürmisch von hinten. „Chakotay?“, fragte sie mit tränenerstickter Stimme. Der Mann erstarrte in seiner Bewegung und wandte sich langsam nach ihr um. „Kathryn?“, flüsterte er und sah in ihr Gesicht. Sie war schöner denn je, die Schwangerschaft hatte ihr Gesicht, ihre Brust etwas voller werden lassen. Alles Hagere, Ausgezehrte der vergangenen Zeit war verschwunden. Chakotay sah ihren verzweifelten Blick, die Tränen in ihren Augen. Sie stand jetzt ganz nah vor ihm und fasste seine Arme. „Chakotay, willst du mir nicht erklären…?“ Sie nahm ihn kurzerhand am Arm und führte ihn zu einer etwas versteckten Bank hinter Oleanderbüschen, wo sie selbst gern manchmal zum Lesen saß. Langsam, ohne den Blick voneinander abzuwenden ließen sie sich nieder. „Kathryn…“ Chakotay hob langsam seine Arme und berührte sie vorsichtig und scheu an den Schultern. „Kathryn, ich freue mich wirklich für dich. Ich möchte deinem Glück nicht im Wege stehen, aber ich konnte einfach nicht… es dir selbst sagen…“. Er sah ihr tief in die Augen. Wie gerne verlöre er sich darin, aber jetzt musste er sich zusammenreißen. „Aber warum denn? Ich verstehe nicht…“, entgegnete Kathryn mit Angst in der Stimme. Chakotay konnte nichts sagen. Ein Kloß schnürte ihm die Kehle zu. Stattdessen nahm er seine Arme zurück in seinen Schoß und ließ seinen Blick langsam von ihrem Gesicht abwärts wandern. Janeway begann zu verstehen… Sie hätte nicht gedacht, dass er es bemerken würde und sie wunderte sich wieder einmal insgeheim, wie genau er sie beobachtet haben, wie gut er sie kennen musste. ‚Ach, Chakotay’, dachte sie voller Mitgefühl. Ihr ängstlicher Blick wurde weich und wich einem liebevollen Ausdruck. Sie lächelte so tief aus ihrer Seele heraus, dass Chakotay die Knie weich wurden. Ganz langsam streckte sie ihren Arm aus und nahm zärtlich seine Hand und legte sie auf ihren Bauch. Chakotay sog scharf die Luft ein, als er ihre Wärme durch den dünnen Stoff spürte, die wie ein Feuer bis in seinen innersten Kern strömte. Er wollte etwas sagen, aber die Worte wollten nicht kommen. Ihre Hand hielt seine mit sanftem Druck an dem Platz fest. Dann zog sie ihr Lächeln auf herzzerreißende Weise schief. Er sah sie fragend an. „Chakotay…“, begann Kathryn. Sie legte ihre andere Hand um seinen Nacken und sah die bedingungslose Liebe und zugleich Verzweiflung in seinen Augen. Sie schloss ihre Augen, als sie ihr Gesicht dem seinen näherte, und gab ihm mit bebenden Lippen einen zärtlichen Kuss. „Chakotay… das ist dein Baby… unser Baby…“ Chakotay schaute überrascht auf und runzelte ungläubig die Stirn. „Was sagst du da? Wie zur Hölle… Wie kommst du dazu? Wie hast du das gemacht? Woher hast du… Sag nicht, du hast es wie Seska…“ Janeway legte ihm beschwichtigend einen Finger auf die Lippen, aber Chakotay geriet in Rage, als die Erinnerungen an die Betrügerin Seska in ihm aufstiegen. Er dreht seinen Kopf unwillig weg. Er fühlte sich von Kathryn hintergangen, getäuscht. ‚Jetzt auch noch Kathryn!’ Er wollte aufspringen, aber Kathryn ließ seine Hand auf ihrem Bauch nicht los. Als er sie gewaltsam wegziehen wollte, hielt sie seine Hand mit einer Kraft fest, die er ihr nicht zugetraut hätte. „Chakotay… bitte, hör mir zu!“ In ihren verzweifelten Augen glitzerte es verräterisch. Chakotay kämpfte um Selbstbeherrschung. Er fühlte sich hin und her gerissen. Er konnte und wollte einfach nicht glauben, was Kathryn getan hatte. Das passte so gar nicht zu ihr. Sie hätte das Baby doch auch anders von ihm… Eine innere Stimme sagte ihm, dass da etwas Gravierendes dahinter steckte. Zögernd sah er sie an. „Eigentlich wollte ich es dir in anderer Umgebung sagen… nicht unter diesen Umständen…“, hub Kathryn an. „Wie lange, hast du dir gedacht, wolltest du mir mein Kind denn vorenthalten?“ Unverhohlener Zorn schwelte noch in ihm. Trotzdem setzte er sich wieder hin und ihr Griff um seine Hand wurde augenblicklich wieder sanft. Sie kramte mit der freien Hand in ihrer kleinen Tasche, die über ihrer Schulter hing und fingerte ein PADD heraus, auf dessen Rückseite das Symbol von Starfleet Medical prangte. „Chakotay“, ihre Stimme klang flehend, „ich hoffe, du verstehst mich… oder wirst mich irgendwann verstehen… und mir verzeihen. Ich habe es nicht gewollt, um dich zu erpressen, aber du… bist der Einzige…für mich…  weil… ich dich…“, Ihre Stimme brach ab. Die zurückgehaltenen Tränen rollten über ihre Wangen. „Ich… habe versucht… es geheim zu halten, bis ich mir ganz sicher sein würde... über unsere Gefühle füreinander.“

Chakotay nahm das PADD und las atemlos die Aufzeichnungen von Doktor Bashir, die alle Diagnosen, Operationen, Untersuchungen und Gespräche, ja sogar Bilder des Fötus im Detail enthielten. „Kathryn, ich wusste ja nicht… es tut mir so leid…“ Chakotay las weiter, während seine Hand die ihre auf dem Bauch zärtlich zu streicheln begann. „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll … aber ich freue mich so… Deine einzige Chance…und du hast mich … obwohl wir nicht einmal…“ Plötzlich lachte er erleichtert auf. „Weißt du, wie ich mir meinen Besuch bei dir erschlichen habe? Der Doktor wollte nämlich nur engste Familienangehörige zu dir vordringen lassen…“ Kathryn schüttelte den Kopf, während sie sich die Tränen fort wischte. „Ich habe einfach gesagt, dass wir heimlich verlobt wären“, gestand Chakotay. „Und ich hatte mich schon gefragt, wie Doktor Bashir auf diese aberwitzige Behauptung bei der Angabe des Familienstandes kam!“ Kathryn knuffte ihn. „Deshalb hatte Doktor Bashir auch gemeint, dass er keine Zustimmung vom Vater brauchte, wo die Sachlage für ihn so klar war!“ Chakotay  stützte stöhnend die Stirn in die freie Hand. „Dass es gleich soweit kommt, hätte ich ja auch nicht gedacht…“ „Dann wären wir ja quitt“, fügte sie hinzu, jetzt ebenfalls erleichtert lachend. „Nicht ganz“, antwortete Chakotay und guckte sie plötzlich sehr ernst an. „Chakotay, wenn du nicht willst… Ich meine, ich habe daran auch gedacht…“, Kathryn beschlich Furcht. „Du hast eine Strafe besonderer Art verdient, Kathryn Janeway.“, sagte er leise mit rauer Stimme. Janeway machte große Augen und war auf dem Sprung in Deckung zu gehen oder sich mindestens zu wehren, wenn nötig. Chakotay stand auf und ging drohend auf sie zu, bis er an ihre Knie stieß. Sie versuchte sich hoch zu stützen. Chakotay packte sie fest am Arm und zog sie zu sich hinauf. Mit der anderen Hand nestelte er in seiner Tasche. Mit einem Ruck ließ er ihren Arm los und umfasste ihren Oberkörper und zog sie kräftig an sich, so dass er die Luft regelrecht aus ihr herauspresste. „Deine rechte Hand vor und mach die Augen zu!“, forderte er sie barsch auf. Janeway hielt ihm unsicher ihre Hand hin. Er nahm die Hand aus seiner Jackentasche und Kathryn fühlte, wie sich etwas Kühles über ihren Ringfinger schob. Überrascht riss sie die Augen auf und sah in die tiefbraunen Chakotays, die nur wenige Zentimeter von ihren entfernt waren. „Danke, Kathryn…“ Chakotay lächelte sie aus tiefster Seele an und senkte seinen Kopf zu ihrem herab. Seine Lippen streiften ihre wieder und wieder tastend bis er ihren Nacken umfasste und sein Mund fordernd und leidenschaftlich ihren bedeckte. Sie öffneten ihre Lippen und heftig nach Luft ringend vertieften sie ihren Kuss. Chakotays Hand glitt abwärts über ihren Rücken zu ihrem Po, dann an ihrer Seite aufwärts, die Seite ihrer festen Brust streifend. Sie schnappte nach Luft und drängte sich an ihn und legte ihre Hände auf seine Hüften und strich an ihnen hinunter bis zu den Oberschenkeln. Er spürte, wie sich die kleine Rundung ihres Bauches gegen seinen Leib presste. Er löste den Kuss. „Spirits, Kathryn, du machst mich verrückt!“ Chakotay sah ihr heftig atmend in die Augen. „Ich habe dich so vermisst!“ Seine Finger strichen durch ihr Haar. Sein Lächeln zauberte wieder diese Grübchen in seine Wangen. Bevor er sich in den blauen Meerestiefen ihrer Augen verlor flüsterte er: „Ich liebe dich, Kathryn Janeway. Möchtest du meine Frau werden?“ Sie nickte stumm als sie ihre Hand hob und den goldenen Ring an ihrem Finger betrachtete. In ihn war Chakotays Tattoo in feinen Linien eingraviert. Sie sah lächelnd zurück zu ihm. „Ich liebe dich auch, Chakotay… sonst hätte ich auch kein Baby von dir gewollt.“ Dann schloss sie langsam die Augen als ihre Lippen die seinen suchten. „Wollen wir nicht lieber in mein Apartment gehen?“, wisperte Kathryn außer Atem mit rotem Gesicht, als sie endlich ihren Kuss unterbrachen.

Sie schlangen die Arme umeinander und machten sich auf den Weg.

Kathryn wohnte noch immer in einem kleinen möblierten Apartment für Starfleetoffiziere in der Nähe des Hauptquartiers. Als sie ihre Wohnung betraten, sah Chakotay lauter Kisten und Taschen herumstehen. „Hast du noch gar nichts ausgepackt, seit du hier wohnst?“, fragte er verwundert. „Nein, ich ziehe aus.“, antwortete Janeway. „So ein Schreibtisch-Posten ist einfach nichts für mich. Ich brauche etwas Praktisches zu tun, etwas, wo man sieht, was man geschafft hat. Ich habe Starfleet überzeugen können, endlich eine Entwicklungshilfe für die ehemalige Entmilitarisierte Zone anlaufen zu lassen, denn eine politische Stabilität in dieser Region ist nur durch forcierte wirtschaftliche Entwicklung zu realisieren. Dabei werden natürlich die Wünsche der Völker nach Art der Hilfe und Orientierung der Entwicklung zugrunde gelegt. Meinem Wunsch entsprechend wurde ich von Starfleet zum Vor-Ort-Koordinator der Entwicklungshilfe berufen.“ Janeway ging ans Fenster und sah auf den Pazifik hinaus, über dem die Sonne zu versinken begann. „Dieser Blick wird mir allerdings fehlen. Aber wenn ich von Planet zu Planet fliegen kann mit meinem neuen Runabout, das ich bald von DS9 abholen werde, habe ich wenigstens immer meine Sterne um mich.“ Chakotay war hinter sie getreten und umschlang sie mit den Armen, so dass seine warmen Hände ihren Bauch wie schützend bedeckten. Er küsste ihr Haar. „Darf ich auch erfahren, Admiral, wohin Sie mein Kind entführen?“ Janeway  griff mit ihren Händen nach hinten, erfasste seine Hüften und zog ihn zu sich heran. „Natürlich nehme ich es mit in mein Hauptquartier.“ „Und wo ist das?“, fragte Chakotay und Besorgnis schwang in seiner Stimme mit. Kathryn dreht sich in seiner Umarmung herum und grinste ihn spitzbübisch an, den Moment der Spannung genießend. „Ich dachte, du hättest es schon fertig!“ „Du meinst, du wirst… auf  Dorvan wohnen?“, fragte Chakotay fast ungläubig, jedoch überglücklich vor Erleichterung. „Na ja, eigentlich gefällt mir Volan II ja auch… oder sollte ich lieber nach Setlik III…oder nach Panora…“, Kathryn rollte übertrieben nachdenklich die Augen, bis Chakotay sie plötzlich packte und um sich herum schwenkte. Sie lachten beide ausgelassen. „Du hast mich heute zum glücklichsten Mann des Universums gemacht!“, rief Chakotay aus, dann stellte er sie vorsichtig zu Boden „…und ich wäre beinahe… wenn ich daran denke! Aber jetzt mache ich dich zur glücklichsten Frau…“, seine Stimme verebbte und er streifte ihr das Oberteil aus bajoranischer Spitze ab, während er sie leidenschaftlich küsste. Dann glitt sein Mund tiefer und er schob die dünnen Träger des Kleides von ihren Schultern. Seine Hände streichelten ihre nackten Schultern, gefolgt von seinen Lippen. Kathryn fuhr mit den Fingern durch sein Haar und warf den Kopf stöhnend zurück. Sie fühlte, wie sein Körper heftig auf sie reagierte. Sie fuhr mit ihren schmalen Händen unter seinen Hosenbund und streichelte ihn. Chakotays Hände fuhren zärtlich über ihre Brüste, ihren Bauch und ihre Hüften zu ihrem Rücken, wo er nach dem Reißverschluss des Kleides tastete. Sie leidenschaftlich küssend, öffnete er den Verschluss und das Brustband und das Kleid rutschte von ihrem Körper. Kathryn streifte ihm das Shirt über den Kopf und ihre nackten Oberkörper berührten sich.

Chakotay hob ihre zierliche Gestalt empor, trug sie ins Schlafzimmer und legte sie vorsichtig aufs Bett. Er zog ihr den Slip aus und entledigte sich ungeduldig seiner verbliebenen Kleidung. Dann legte er sich neben sie und stützte seinen Kopf auf, um sie einfach nur anzusehen. Zärtlich streichelte er ihren gewölbten Bauch und küsste ihn.  Dann sah er ihr lange und glücklich in die Augen, während seine freie Hand über ihren Hals, ihre Brüste, ihren ganzen Körper bis hinunter zu ihren Schenkeln glitt. Er liebkoste mit den Lippen ihre aufgerichteten Brustwarzen. Seufzend griff sie nach seinen Schultern, als er die Innenseite ihrer Schenkel liebkoste und ihren geheimsten Ort mit Zärtlichkeit streifte. Sie legte ein Bein über seine Hüfte und drängte sich an ihn. Er beugte sich über sie und sie öffnete leicht ihre Lippen zu einem leidenschaftlichen Kuss. Sie lies ihre Hände erst sanft, dann fordernd über seinen ganzen Körper gleiten. Dann rollte er sie auf den Rücken und sein Körper begann den ihren rhythmisch zu liebkosen. Sie sahen sich fest, wie zu einem Versprechen, in die Augen. Sie brauchten keine Worte, um sich alles zu sagen. Vorsichtig tastend vereinigten sich ihre Körper und bewegten sich immer heftiger im Einklang mit ihrem Herzschlag bis sie aufstöhnend den Namen des anderen keuchend im Feuer der Gefühle versanken.

Chakotay lies sich neben Kathryn niedersinken. Sie legte ihren Kopf in seinen Arm. „Ich liebe dich, Chakotay. Ich habe dich die ganzen Jahre schon geliebt, aber…“ „Sch…, ich weiß, Kathryn, Sekaya hat mir alles erzählt, als wir nicht wussten, ob du überleben würdest…“ Kathryn errötete leicht und zog zärtlich die Linien seines Tattoos nach. „Ich bin so froh, dass es jetzt wirklich unser Baby ist“, flüsterte sie und kuschelte sich an ihn. „Und ich freue mich, dass ich schon so bald einen Sohn haben werde. …dass du dich für mich entschieden hast.“, entgegnete Chakotay. Er zeichnete mit einem Finger die Kontur ihrer Stirn, ihrer Wange, ihres Kinns nach und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Kathryn zog sich an seiner Schulter nach oben und erwiderte seinen Kuss mit Leidenschaft.

Dann zogen sie die Bettdecke über sich und schliefen eng aneinander geschmiegt ein. Als Chakotay am Morgen erwachte, wusste er zunächst nicht, wo er sich befand. Da fiel sein Blick auf ein abgegriffenes Foto, das bei einem Buch auf dem Nachttisch lag. Alle Erinnerungen an den vergangenen Tag waren plötzlich wieder da. Als er hinter sich tastete, bemerkte er, dass Kathryn schon aufgestanden war. Jetzt hörte auch das Wasser rauschen. Er stellte sie sich unter der Dusche vor und merkte, wie sein Körper beim bloßen Gedanken an sie reagierte. Er schwang sich aus dem Bett und ging langsam ins Bad. Kathryn stand vor ihm, ein Handtuch umgeschlungen, die feuchten, jetzt rotbraunen Haare fielen auf ihre Schultern. „Spirits, Kathryn, warum habe ich schon wieder solche Sehnsucht nach dir?“ Er nahm ihr Gesicht zwischen beide Hände und küsste sie fordernd. Sie öffnete ihre Lippen und ihre Zungen begegneten sich. Sie hob die Arme und streichelte sein Gesicht. Ihr Handtuch fiel zu Boden. Er drängte sie sanft gegen die Wand, hielt ihre Hände fest und untersuchte mit Lippen und Zunge die zarte Haut ihres Halses, die feste Rundung ihrer Brüste, ihren ganzen Körper. „Chakotay, bitte…“, stöhnte Kathryn und bog sich ihm entgegen. Endlich bekam sie ihre Hände frei und zog seinen Körper ekstatisch an sich, dann schob sie ihn unter Küssen rückwärts, bis er in ihr Bett stolperte. Sie kniete sich über ihn und streichelte sein Gesicht, seine muskulösen Arme, seine breite Brust, seinen festen Bauch. Chakotay sog ihren Anblick in sich auf und packte sie an den Hüften. Kathryn spürte seine Erregung unter ihr wachsen. Er schob sie leicht vor und zurück und seufzte, als sie sich auf seiner Brust abstützte und in die Bewegung einstimmte. Verschwitzt und keuchend richtete er sich endlich auf und rollte Kathryn auf den Rücken und sie öffnete sich für ihn. Ihre Körper vereinigten sich im wilden Strudel der Gefühle, bis sie sich alles gegeben hatten.

Nachdem sie gemeinsam geduscht und gefrühstückt hatten, beamten sie Kathryns Gepäck in Chakotays Alpha-Flyer. Chakotay reichte ihr das Buch mit dem abgegriffenen Foto. Sie legte den Kopf an seine Schulter, als sie gemeinsam das Foto betrachteten. Sie strich sanft mit dem Finger darüber. Dann sah sie an ihm empor und er neigte seinen Kopf zu ihr hinab und sie küssten sich zärtlich.

 

Nach mehreren Tagen Flug erreichten sie Dorvan. Dank der neuen Kommunikationsstation konnte Chakotay Sekaya vorher ihre voraussichtliche Ankunft ankündigen. Heimlich gab er ihr noch eine sehr wichtige Information durch...

Hand in Hand schritten sie die Heckrampe des Flyers hinunter und Chakotay führte Kathryn auf das neue Haus zu, an welchem er mit den Männern seines Stammes die vergangenen Monate gebaut hatte. „Kathryn, das ist unser eigenes Haus“, flüsterte Chakotay stolz. „Woher wusstest du…“, begann Kathryn erstaunt, aber Chakotay hielt kurz inne und küsste sie einfach. „Weil ich hoffte, dass du mich noch liebst.“ Vor der Tür hatten sich alle Bewohner von Fruchtbare Erde versammelt. An der Spitze aller stand Sekaya mit einem großen Strauß weißer exotischer Blumen, an ihrer Seite der Dorfälteste. Der Boden vor dem Haus war mit Blüten bestreut. Kathryn kam alles wie in einem Traum vor.

Sekaya überreichte Kathryn den Blumenstrauß und der Dorfälteste sprach in von Alters her überlieferten Formeln den Segen des Großen Geistes für das Brautpaar aus.

Danach fragte Chakotay nach einer anderen alter Tradition der Erde: „Kathryn Janeway möchtest du meine Frau werden und zu mir halten in guten wie in schlechten Tagen bis das der Tod uns scheidet?“ „Ich will.“, antwortet Kathryn mit einem Kloß im Hals. Dann wiederholte sie die Vermählungsformel für Chakotay. „Ja, ich will.“, entgegnete er. Dann trat Sekaya an sie heran und gab Chakotay eine kleine Schachtel. Er öffnete sie. Zwei Ringe steckten darin. In den kleineren war ein Saphir gefasst. „So blau wie deine Augen“, flüsterte er, als er Kathryn den Ring aufsteckte. „Chakotay…“, flüsterte sie zurück. Tränen traten in ihre Augen, als sie den zweiten Ring Chakotay langsam auf den Finger schob.  Sie sahen sich für eine Sekunde tief in die Augen und küssten sich innig. Danach nahmen sie die freudigen Glückwünsche und Geschenke von allen Dorfbewohnern entgegen und Chakotay trug seine Frau über die Schwelle in ihr neues Zuhause.

 

 

Sechs Jahre später an der Transporterstation von Bloomington in Indiana verabschiedete sich eine rotblonde, zierliche, vor Glück strahlende Frau unter Umarmungen von ihrer Mutter und ihrer Schwester. „Es war schön, euch einmal wiederzusehen! Danke, dass ihr solange auf den Jungen Acht gegeben habt, als ich im Hauptquartier zu tun hatte.“ „Das war großartig, Kath. Endlich konnte ich einmal meinen Enkel wieder in die Arme nehmen. Er ist ja so groß geworden“, sagte die ältere Frau. „Ich hoffe, ihr kommt zu Weihnachten herüber, damit das Kind auch mal Schnee zu sehen bekommt und vor allem, Kath, bring Chakotay das nächste Mal wieder mit!“ „Das werde ich bestimmt! Und dann kommen wir mit meinem Runabout. Aber mit dem Jungen allein… da reise ich lieber als Passagier.“ Kathryn drehte sich suchend um und rief „Amal, komm, wir müssen los, Papa wartet zu Hause auf uns!“ Sie trat an den Schalter des Transporterterminals und sagte: „Zwei Personen zum Schiff nach Dorvan V bitte.“  Amal drängte sich neugierig an ihr vorbei und beobachtete auf Zehenspitzen aus seinen dunkelbraunen Augen, wie der Transporterchef  am Computer ihren Wunsch bearbeitete und das Beamen zum wartenden Raumschiff im Orbit vorbereitete. Die Frau legte liebevoll ihre Hände auf die des Jungen, dessen Haare denselben unverwechselbaren rötlichen Schimmer hatten wie ihre.

Der Mann salutierte: „Admiral Janeway, die U.S.S. Excelsior erwartet Sie bereits.“

 

 

 

 

Ende